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    20.11.2023AQ 2187
    »Unsere Beschäftigung mit der Vergangenheit sorgt dafür, dass wir nicht aus ihr lernen.«
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    Unsere Beschäftigung mit der Vergangenheit sorgt dafür, dass wir nicht aus ihr lernen. Wir gehen in der Regel vom Gegenteil aus. Wir denken, wenn wir uns mit der Vergangenheit genügend beschäftigen, lernen wir auch aus ihr. Das ist nicht der Fall, denn wir stellen uns die Vergangenheit verzerrt vor. Bei der Vergangenheit der anderen ist es offensichtlich. Wir waren gar nicht dabei, sind auf Hörensagen angewiesen und müssen dem glauben, denn andere Quellen haben wir nicht.Aber selbst wenn es um unsere eigene Vergangenheit geht, beschäftigen wir uns mit unserer Vergangenheit durch Denken an Geschichten. Und wenn wir an Geschichten denken, neigen wir dazu, zu dramatisieren. Wir neigen dazu, uns selbst Geschichten von Leid und Gefahr zu erzählen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Wir haben gelernt, dass wir uns damit wichtig machen können bei anderen. Wenn wir es schaffen, unsere Geschichte glaubhaft schlimm, dramatisch, furchtbar zu vermitteln und andere davon zu überzeugen, wie gefährlich, wie schwierig, wie heldenhaft das war, was wir getan haben, bekommen wir ihre Anerkennung. Und Anerkennung ist eine große Verführung. Wir lieben Anerkennung, weil wir einen großen Mangel davon empfinden.Der Drang, gefallen zu wollen, verfälscht alles. Wir verfälschen dadurch unsere Geschichte und unsere Geschichten. Und dieser Drang verfälscht auch uns, weil wir nicht mehr authentisch sind. Wenn wir Anerkennung und Gefallen hervorrufen wollen, verstellen wir uns alleine durch dieses Ziel. Nur dadurch, dass wir gefallen wollen, passen wir uns an, an das, was allgemein anerkannt ist und wovon wir ausgehen, dass allgemein anerkannt ist oder zumindest zum gewünschten Ergebnis führt, nämlich dass wir den anderen gefallen.Diese Anerkennung und dieser Gefallen sind also teuer erkauft. Genau genommen kosten sie uns alles, was wir haben. Nicht materiell, aber spirituell. Wir verbiegen uns für andere und wir erzählen ihnen Geschichten von uns, die nur dazu da sind, Anerkennung auszulösen und zu bekommen und zu gefallen. Wir können also keine einzige Sekunde echt sein. Das Gegenteil davon, nämlich künstlich rebellisch zu sein, ist es übrigens auch nicht, denn dadurch wird einfach jede deiner Geschichten zu einer Rebellengeschichte.Besser wäre es, du würdest dich eine Zeit lang nicht mehr mit deiner Vergangenheit beschäftigen. Nach ein paar Jahren kannst du dann wieder über die Vergangenheit reden. Aber ganz anders als aktuell. Du musst dann die Vergangenheit nicht mehr missbrauchen, um zu gefallen oder Anerkennung zu bekommen. Und dadurch kannst du das erste Mal in deinem Leben aus deiner Vergangenheit tatsächlich lernen. Denn selbstverständlich hält sie eine Menge Schätze für dich bereit, wenn du bereit bist, sie zu verstehen und sie weder durch Glorifizierung noch durch Leidgeschichten zu verfälschen.Solange wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen, um zeigen zu können, wie tugendhaft wir sind und welch hohe moralische Werte wir vertreten, solange können wir aus der Vergangenheit nichts lernen, weil uns unsere Absicht im Weg steht.