Ein Bedürfnis zurückzuhalten, ist eine spirituelle Erfahrung. Ich weiß, dass der Trend, die Mode in eine andere Richtung gehen. Die meisten sagen dir, dass du darauf achten solltest, dass deine Bedürfnisse befriedigt werden. Tatsächlich besteht dein Ego zu einem großen Teil genau daraus: der automatisierten, programmierten Befriedigung deiner Bedürfnisse. Wenn du beginnst, darüber nachzudenken, dann fallen dir ganz sicher ein paar elementare Bedürfnisse ein. Und kaum jemand würde dir widersprechen. Die meisten würden dir zustimmen, dass es essenziell sei, diese Bedürfnisse zu befriedigen, zu stillen und gut für dich zu sorgen.Für Menschen, die nicht in der Lage sind, für sich zu sorgen, mag das eine hilfreiche Übung sein. Das Gegenteil funktioniert aber auch. Und ohne deine Bedürfnisse wenigstens einmal in deinem Leben zurückzuhalten, wirst du nicht herausfinden, was echte Bedürfnisse sind und was nicht. Das Problem ist nämlich, dass wir interpretieren, was ein Bedürfnis ist und was nicht. Wir wissen es gar nicht aus unserer Erfahrung, eben weil wir jedes Bedürfnis so schnell wie möglich befriedigen. Dadurch erkennen wir den Antrieb hinter dem Bedürfnis gar nicht mehr. Die meisten würden zustimmen, dass Essen ein Bedürfnis ist, das befriedigt werden muss.Jetzt gibt es aber Menschen, die schaffen es, nicht zu essen und die machen eine spirituelle Erfahrung. Die erleben nämlich das erste Mal, was passiert, wenn du dein angebliches Bedürfnis nicht befriedigst. Als Allererstes dreht nämlich der Verstand durch. Er fängt plötzlich an, ganz wild zu quatschen. Er erzählt dir, wie schädlich das sein könnte, was du da machst und warum du dir das antust und wie schwierig das ist und dass du es ja gar nicht nötig hast. Und viele weitere Dinge, die du alle überprüfen kannst. Allerdings nicht jetzt, sondern erst dann, wenn du beginnst, ein Bedürfnis zurückzuhalten.Selbstverständlich geht das nicht nur beim Essen. Du kannst das mit allen möglichen sogenannten Bedürfnissen oder Trieben machen. Dabei geht es nie darum, dass du ein Bedürfnis für immer unterdrückst. Und es geht vor allem nicht darum, dass du es unterdrückst. Unterdrücken ist etwas anderes als Zurückhalten. Es geht darum, dass du es bewusst, absichtlich und beobachtend nicht befriedigst. Und dann bereit bist, alles wahrzunehmen, was sich daraus ergibt. Die Stimmen in deinem Kopf und die Empfindungen in deinem Körper.Das, was du dadurch erfährst, ist die Grundlage für jedes Zölibat, für Mönche, die viel fasten und jede andere Enthaltsamkeit, die du dir vorstellen kannst. Es ist nicht für immer gedacht und auch überhaupt nicht notwendig. Es ist als spirituelle Erfahrung gedacht. Für deine Selbsterkenntnis, nicht dafür, dass du dich selbst geißelst und hart dir selbst gegenüber bist. Es geht darum, dass du eine Programmierung nur erkennen und entdecken kannst, wenn du sie durchbrichst. Wenn du das Muster, das der Programmierung zugrunde liegt, durchbrichst.Denn bis dahin ist alles automatisiert. Du bekommst es gar nicht mit. Und solange du diesen Automatismus nicht unterbrichst, kannst du nur darüber nachdenken. Aber die Gedanken bringen nichts, denn sie sind theoretisch. Erst wenn die Gedanken deiner gelebten Praxis entspringen, werden sie relevant und für dich erkenntnisreich. Es hat nämlich keinen Wert, etwas zu analysieren, womit du keine Erfahrung hast. Erst wenn du die Erfahrung gemacht hast, sind die Erkenntnisse in Form von Gedanken hilfreich.Beim Zölibat wird großer Wert auf die sexuelle Enthaltsamkeit gelegt. Tatsächlich ist jede Art der Enthaltsamkeit hilfreich. Du wirst bei jeder Enthaltsamkeit wertvolle Erfahrungen machen und nicht nur etwas, sondern jede Menge über dich selbst und die Art deiner Programmierung lernen können. Ich behaupte sogar, dass es kaum eine andere Methode gibt, mit der du so viel über dich und die Art deiner Programmierung lernen kannst. Ganz einfach deshalb, weil du zum ersten Mal etwas, wozu du dich getrieben und gezwungen fühlst, nicht machst. Etwas nicht zu tun oder das Gegenteil von dem zu tun, wozu du dich getrieben fühlst, ist die Deprogrammierungs-Methode schlechthin. Das Problem dabei ist: Das will kaum jemand.Und jetzt weißt du auch, warum der Trend der Bedürfnisorientierung so erfolgreich ist. Er unterstützt deine Programmierung und das finden wir alle super. Wir wollen schließlich nicht unnötig irritiert werden.