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    10.8.2023AQ 2085
    »Was wir als 'Erwachsen sein' bezeichnen, ist das Gegenteil davon.«
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    Was wir als 'Erwachsen sein' bezeichnen, ist das Gegenteil davon. Wären wir unserer Kindheit entwachsen, hätten wir alles integriert. Wachstum bedeutet Integration. Als sogenannte Erwachsene machen wir das Gegenteil davon: Wir verdrängen. Wir verdrängen alles, was wir in unserer Kindheit erlebt haben. Und für Verdrängung gibt es nur einen einzigen Grund: Das, was wir erlebt haben, ist so nicht vorgesehen. So wie wir es erlebt haben, ist es nicht gedacht.Wir wurden bereits als Kinder an eine erwachsene Welt herangeführt und angepasst. Und eine der hauptsächlichen Prägungen dieser Erwachsenenwelt ist Verdrängung. Uns wurde also von Menschen, die gut sind im Verdrängen, beigebracht, wie auch wir verdrängen können. Und das ist auch notwendig, denn die Regeln, die uns erklärt werden, die Verhaltensweisen, die Umstände, was als normal gilt, all das macht Verdrängung notwendig, denn das entspricht nicht unserer Natur. So sind wir nicht hierhergekommen.Es wird also zweierlei getan: Einmal wird uns erklärt, wie die Welt ist. Und obwohl sie nicht schön ist, zumindest für diejenigen, die uns die Welt erklären, nicht, sagt man uns, das sei aber auch normal. Wenn wir diese Welt in Frage stellen, wird uns gesagt, wir seien in der Trotzphase oder in der Pubertät und wir sollten doch endlich erwachsen werden. Und zum anderen erklärt man uns, wie wir diese angeblich normalen Umstände, die sich aber auch für alle anderen nicht gut anfühlen, verdrängen können. Es wird also behauptet: »Es ist alles ganz normal hier. Du brauchst dir gar keine Gedanken machen! Selbst wenn du wolltest, ändern könntest du sowieso nichts daran. Und weil das schmerzhaft ist, sich an so eine Welt anzupassen, zeigen wir dir auch gleich, wie du all das verdrängen kannst.« Und wir gehen dabei mit gutem Beispiel voran und rechtfertigen und begründen alles auf einer Pseudo-Ebene. Ganz ausgeprägt findet das dann als Sarkasmus und Zynismus statt. Und wenn es ganz dumm läuft, dann halten wir diesen Zynismus sogar für Altersweisheit.Unfähig, uns selbst zu hinterfragen und zu reflektieren, tragen wir so unser Verdrängen von Generation zu Generation weiter. Und diesen Prozess der Normalisierung eines schrecklichen Lebens und der Verdrängung dessen und der Tatsache, dass wir es selbst in der Hand hätten, auszubrechen, nennen wir "erwachsen werden". Tatsächlich sind wir nicht gewachsen. Wir sind verunsicherte Kinder gefangen in einem ausgewachsenen Körper. Und da wir uns die Verunsicherung und die Verdrängung nicht anmerken lassen wollen, tun wir so, als wäre alles vollkommen in Ordnung. Und mehr noch! Wir finden diejenigen, die uns das angetan haben, sogar noch super und verbünden uns mit ihnen. Wir schlagen uns regelrecht auf ihre Seite, indem wir ihr Verhalten einfach übernehmen und an die nächste Generation weitergeben. Das Stockholm-Syndrom existiert also schon viel länger als der Begriff. Es ist sogar ein Synonym für "erwachsen werden" oder "erwachsen sein".An dieser Stelle unterstellen mir einige Übertreibung oder Provokation. Ich sehe darin weder Übertreibung noch Provokation. Ich sehe es, wie es ist. Und ich sage einfach, dass der Kaiser keine Kleider trägt. Denen, die unter dem Stockholm-Syndrom leiden, ist das natürlich unangenehm und sie haben an der Stelle zwei Möglichkeiten: Die eine ist, auf den Überbringer der Botschaft sauer zu sein. Und die andere ist, sich selbst genauer anzuschauen. Die Beschreibung des Stockholm-Syndroms ist kein Vorwurf. Es ist aber erstaunlich, wie empfindlich wir auf die Beschreibung unserer erlebten Realität reagieren. Und das ist Teil dieses gesamten Spiels. Wir wollen nicht, dass es herauskommt, wie es wirklich ist. Wir wollen es nicht hören, wir wollen es nicht sehen und wir wollen nicht darüber sprechen. Wir wollen weiterhin erwachsen sein und es verdrängen.