Deine Gefühle sind dein inneres Kind. Das innere Kind kannst du auf zwei Arten verstehen: Erstens als illusorisches Kind, das in dir sitzt, also als Fantasie. Und zweitens als die Gefühle deiner Kindheit und damit als eine Tatsache in deinem Körper. Die erste Variante ist wenig hilfreich. Im besten Fall hilft sie nicht und im dümmsten Fall ist sie ein weiteres Gedankengefängnis. Die zweite Variante funktioniert aber auch nur dann, wenn du verstehst, dass die Gefühle deiner Kindheit Körperempfindungen sind, keine Gedanken. Es sind also gar nicht die Gefühle deiner Kindheit. Es sind deine aktuellen Gefühle. Sie kommen vielleicht aus deiner Kindheit, aber sie sind jetzt hier. Das heißt, es bringt dir nichts, wenn du dich an deine Kindheit erinnerst, das ist nur ein weiterer Gedanke. Es bringt aber sehr viel, wenn du wahrnimmst, wie du dich fühlst.Dabei musst du beachten, dass das, was du sagst, nicht das ist, was du fühlst. Wenn du zum Beispiel sagst: »Ich fühle mich betrogen!«, dann sagt das gar nichts über deine Körperempfindung aus. Wenn du sagst: »Ich fühle mich betrogen!«, gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste ist, dein Verstand labert nur. Das bedeutet, er sagt zwar, dass du dich betrogen fühlst, tatsächlich denkst du es dir aber und im Körper fühlst du gar nichts. Die andere Variante ist die, dass du damit versuchst, eine Körperempfindung sprachlich auszudrücken. Das ist aber trotzdem nicht korrekt, denn du musst an eine Geschichte denken, um sagen zu können: »Ich fühle mich betrogen!« Dafür braucht es mindestens eine Vergangenheit. Und in dieser Vergangenheit muss etwas passiert sein, was du nicht gut findest. Also zum Beispiel die Geschichte: Dir hat jemand etwas versprochen. Du hast dich darauf verlassen und dann hat er sich nicht daran gehalten. Jetzt fühlst du dich betrogen.Diese Geschichte, diese Erzählung sagt überhaupt nichts über deine Gefühle, weil sie nichts über deine Körperempfindungen sagt. Würdest du tatsächlich von deiner Körperempfindung sprechen, könntest du maximal etwas in die folgende Richtung sagen: »Ich fühle etwas in meinem Bauch. Es drückt.« Vielleicht wird dir übel, dann könntest du sagen: »Mir ist schlecht.« »Ich fühle mich betrogen!«, kannst du nur sagen, wenn du diese Körperempfindung mit der Geschichte verbindest, also weil diese Körperempfindung im Anschluss an das Erleben auftritt, an das, was du erlebt hast. Nur deshalb kannst du sagen: »Ich fühle mich betrogen!« Und diese Körperempfindung geht damit einher. Du denkst deshalb, die Geschichte sei der Auslöser und deshalb glaubst du auch, der andere sei schuld. Du realisierst in diesem Moment nicht, dass die Körperempfindung auch unabhängig von der Geschichte besteht. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Wir nehmen uns keine Zeit, um unsere Gefühle zu fühlen, sprich, um die Körperempfindungen so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich sind.Jetzt kommt noch etwas sehr Blödes dazu. Es wird nämlich gesagt, das sei ein verletztes inneres Kind. Du merkst jetzt vielleicht schon, worauf das hinausläuft. Das ist ähnlich, wie wenn du sagst: »Das ist ein inneres Kind, das sich betrogen fühlt.« Das stimmt ja nicht. Deine Körperempfindungen haben keine Worte. Bei einer Achterbahnfahrt kannst du das gut beobachten. Sobald es nach unten geht, in den freien Fall, hast du Körperempfindungen. Die kannst du auch gar nicht vermeiden. Du könntest jetzt sagen, das ist dein verletztes inneres Kind, ausgelöst durch die Achterbahn. Und jetzt könntest du auch der Achterbahn die Schuld geben. Tatsächlich bist du ja freiwillig eingestiegen. Mehr noch, du wolltest es sogar. Und wir gehen mit unseren Gefühlen so um, als hätten wir vergessen, dass wir einsteigen wollten, dass wir freiwillig eingestiegen sind. Und wir tun so, als hätte die Achterbahn schuld. Und dann erinnern wir uns an unsere früheren Achterbahnfahrten, dass wir tatsächlich vielleicht sogar dazu gezwungen wurden und das verbinden wir. Und dann tun wir so, als wäre die jetzige Achterbahn schuld an allem.Das innere Kind ist in den meisten Fällen leider nur ein weiterer Hirnfick. Im Idealfall ist es eine Metapher für deine Körperempfindungen und über die solltest du nicht nachdenken, die solltest du wahrnehmen. Dadurch kommst du in den Moment zurück, aus dem du als Kind herausgefallen bist. Und da du als Kind sehr vehement oder sehr häufig aus diesem Moment herausgefallen bist, musst du sehr häufig und sehr vehement üben, zurückzukommen.Dafür ist die Metapher des inneren Kindes hervorragend geeignet, wenn du erkennst, was sie bedeutet ... Und wenn du dir daraus keine neue Geschichte baust.