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    24.6.2023AQ 2038
    »Alles, woran wir uns gewöhnt haben, lassen wir nicht gerne los.«
    0:005:41
    Alles, woran wir uns gewöhnt haben, lassen wir nicht gerne los. Wenn wir uns an etwas gewöhnt haben, ist es uns vertraut. Und alles, was uns vertraut ist, kommt uns normal vor. Wenn wir etwas lange genug erlebt haben, können wir uns nicht mehr vorstellen, dass es anders sein könnte. Das sind beides keine bewussten Vorgänge, sowohl, dass wir es für normal halten, als auch unsere Unfähigkeit uns vorzustellen, dass es für andere ganz anders ist oder sogar für uns selbst anders sein könnte. Und deshalb wissen wir gar nicht, was wir uns wünschen, wenn wir uns zum Beispiel Freiheit wünschen oder Fülle. Es ist uns nicht klar, dass wir es uns nur im Widerstand zu dem wünschen, was wir mittlerweile als normal empfinden. Und wir gehen davon aus, dass das Gegenteil schön ist. Um das Gegenteil aber erleben zu können, müssten wir das, was wir als normal empfinden, loslassen. Dabei ist Loslassen tatsächlich der falsche Begriff. Hinter uns lassen trifft es ein bisschen besser. Weglassen, nicht mehr machen, nicht mehr für normal halten. Dazu müssten wir uns aber erst klar machen, was wir bisher für normal halten und dass wir es für so normal halten, dass wir uns nichts anderes vorstellen können. Und das will sich kaum jemand eingestehen. Wir wollen uns nicht eingestehen, dass wir etwas Verrücktes für normal halten. Und das kannst du in den letzten Jahren sehr gut beobachten — an dir und auch an den anderen. Wir wollen die Normalität, wie verrückt sie auch sein mag, nicht aufgeben. Wir wollen sie nicht hinter uns lassen, weil es uns wie ein Verlust erscheint und weil wir, wenn wir etwas verlieren, Schmerzen fühlen. Ganz egal, was das ist, was wir verlieren. Wenn wir es verloren haben, ist es erst einmal unangenehm. Es hinterlässt eine Lücke, mit der wir erst einmal nicht klarkommen und die wir so schnell wie möglich versuchen zu füllen. Hauptsache mit irgendetwas. Und das Naheliegendste, womit wir diese gefühlte Lücke füllen können, ist das Alte, Normale, Gewohnte. Und dieser Vorgang der automatischen Auffüllung jeglicher und auch der geringsten entstehenden Lücke ist so normal und gewohnt für uns, dass wir es überhaupt nicht merken. Und es passiert in Bruchteilen einer Sekunde. Du kannst dir dieses Vorgangs noch nicht einmal bewusst werden. Falls du dir bewusst wirst, steht dein Leben Kopf und kein Stein kann mehr auf dem anderen bleiben. Bis wir so weit sind, muss das Normale so verrückt werden, dass es uns auffällt. Erst dann sind wir wirklich bereit. Vorher nicht.