Niemand kann dich beleidigen. Das musst du selbst tun. Und du tust es auch, indem du glaubst, was der andere sagt. Du musst ihm Glauben schenken. Am leichtesten geschieht das dadurch, dass eine alte Wunde in dir angesprochen wird — und zwar in Form einer Körperempfindung. Statt diese wahrzunehmen, denkst du, dass das wahr ist, was dir gesagt wurde. Und so nimmst du die Beleidigung wahr. Du hältst sie für wahr und du kannst es dir gar nicht anders vorstellen. Du glaubst, sie hätte etwas mit dem jetzigen Moment zu tun. Das hat sie natürlich auch, aber nicht mit dem anderen, sondern mit dir. Das, was wirkt, ist nicht die Beleidigung des anderen in diesem Moment. Das, was in diesem Moment wirkt, ist die Erinnerung an die Beleidigung. Genauer gesagt, die Erinnerung an ein Gefühl, an eine Körperempfindung, die natürlich durch diese Beleidigung ausgelöst wird und die du selbstverständlicherweise nicht fühlen willst. Und immer dann, wenn du etwas nicht wahrnehmen willst, wenn du ein Gefühl nicht wahrnehmen willst, musst du dafür einen anderen Auslöser als Erklärung finden — und das nennt man dann Projektion. Eine Projektion, die sich natürlich sehr real anfühlt, beziehungsweise eben nicht wie eine Projektion. Es fühlt sich so an, als wäre es echt und wahr. Es fühlt sich so an, als würde der andere die Gefühle in dir verursachen, als wäre er dafür zuständig, was du fühlst. Natürlich ist das unmöglich. Ein anderer kann nicht zuständig sein dafür, was du fühlst. Denn verschiedene Menschen fühlen verschiedene Gefühle. Auch in ähnlichen oder gleichen Situationen. Unsere Gefühle können also gar nicht vom anderen kommen, sonst wären sie einheitlich — zumindest in der gleichen Situation. Sie sind aber nicht nur nicht einheitlich, sie sind sogar komplett konträr: Der eine fühlt etwas, der andere fühlt überhaupt nichts. Den einen interessiert es, den anderen nicht. Den einen juckt es, den anderen nicht. Woher sollte das kommen? Wie könnte es anders sein, als dass es aus uns kommt? Erkennen kannst du das nur, wenn du dich selbst beobachtest und damit auch nicht mehr aufhörst. Wenn du dich selbst beobachtest, merkst du, dass du das selbst tust, dass du dich beleidigt fühlst. Und irgendwann kann dich dann tatsächlich niemand mehr beleidigen.