Die freiheitliche Philosophie ist nur theoretisch in uns. In der Praxis versagt sie, weil wir nie geübt haben, sie zu leben. Und wir haben sie in der Praxis nicht geübt, weil wir programmiert sind, ohne es zu merken. Wir denken nur, wir sind frei, aber wir sind es nicht. Wir haben unzählige Denkverbote und . da geht es selten um die großen Themen. Da geht es um die einfachsten Dinge, die wir uns nicht vorstellen können oder die wir uns nicht erlauben, vorzustellen. Wir denken dann, das sei unsere feste Überzeugung, unsere Meinung. Und wir merken gar nicht, dass sie antrainiert ist, auswendig gelernt. Wir haben uns mit ihr identifiziert, weil wir sonst nichts hatten, mit dem wir uns identifizieren können. Nur ein kleines Beispiel: Mein Vater war der Meinung, es sei wichtig, Steuern zu zahlen. Und er hat behauptet, er zahle gerne Steuern. Gleichzeitig hatte er aber jeden Steuerratgeber, den es gibt. Da stimmt was nicht. Und das könnte uns auffallen. Die meisten unserer Überzeugungen stimmen nicht. Wir haben sie übernommen, auswendig gelernt. Niemand hat uns wirklich dazu gezwungen, zumindest in der Regel nicht. Aber wir wurden ausgegrenzt, ausgeschlossen, wenn wir anders dachten. Und vor allem, wenn wir anders waren. Es gibt Menschen, die sagen: »Jeder kann machen, was er will. Hauptsache er ist glücklich.« Und viele kennen den Kantschen Imperativ in Form des Zitats: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Und wir denken wirklich, wir orientieren uns daran. Und wir tun es nicht. Manche denken dann: »Ja stimmt, wir tun den anderen weh.« Ich meine aber die entgegengesetzte Richtung. Ich meine die Richtung des Kantschen Imperativs, die dir sagt: »Du bist frei. Du kannst tun, was du willst, wenn du dabei niemanden verletzt.« Wir orientieren uns an dieser Einschränkung. Darauf legen wir unseren Fokus. Wir orientieren uns an dem Verbot und laufen mit dem Gedanken durch die Gegend: »Ich darf niemanden verletzen. Ich darf niemanden verletzen. Ich darf niemanden verletzen.« Den ersten Teil haben wir gar nicht gehört oder nicht realisiert. Denn der erste Teil heißt: »Ich bin frei. Ich bin frei. Ich bin frei.« Den wiederholst du aber nicht, über den denkst du nicht nach, was der in der Praxis bedeutet und vor allem lebst du ihn nicht. Nicht weil du nicht willst, sondern weil es dir nicht auffällt, dass du nicht kannst. Du kannst nicht aufgrund von Überzeugungen, die so tief in dir verankert sind, dass du sie niemals hinterfragen würdest. Selbst dann nicht, wenn du vielleicht schon gegenteilig handelst, zumindest ab und zu. Du würdest trotz gegenteiligem Handeln deine Überzeugung immer noch vertreten und verteidigen. Die freiheitliche Philosophie beinhaltet mehr als ein Verbot, auf das wir uns konzentrieren. Die freiheitliche Philosophie beinhaltet eine Erlaubnis. Eine Erlaubnis, die so groß ist, dass wir sie nicht leben können.