Als Kind brauchst du keine Begründung, du machst einfach. Als Kind hast du dich an nichts anderem als deiner inneren Führung orientiert, bis man dir eingeredet hat, dass das keine vernünftige Orientierung ist und dass du eine neue brauchst. Die hat man dir dann auch bereitwillig sofort gegeben. Man wusste zwar selbst nicht so genau, woher die kommt, aber es war vollkommen klar, dass man sie dir gibt, dass man jedes Recht dazu hat, dir diese neue, richtige, vernünftige Orientierung zu geben. Und es war auch klar, wer dieses Recht hat, dir diese Orientierung zu geben. Als Erstes natürlich deine Eltern, dann die Lehrer, der Pfarrer und wer sich sonst noch alles dazu berufen fühlte, seine umfassende Weisheit mit dir zu teilen. Keine einzige dieser Nasen wäre auf die Idee gekommen, dass es sein könnte, dass sie überheblich ist. Jeder empfand das als sein gutes Recht, dir zu sagen, wo der Hase lang läuft. Schließlich ist er ja schon länger hier und weiß genauer, worum es hier geht. Schließlich hat niemand einen derart allumfassenden Überblick wie ein Erwachsener. Dass diese Menschen alle einen an der Waffel haben, konntest du nicht wissen, das war dir nicht klar. Und so hast du im Lauf der Zeit die Verrücktheit der Erwachsenen übernommen. Diejenigen, die in der Freiluft-Psychiatrie untergebracht waren, konnten ihr verrücktes Leben auf dich übertragen. Ihre Art zu leben entsprach aber nicht deiner Natur. Sie entsprach ja noch nicht mal der Natur derer, die so gelebt haben. Aber das wollten sie natürlich nicht erkennen. Denn der Schmerz, den sie dann gefühlt hätten, wäre zu groß gewesen, dachten sie. Also haben sie sich lieber mit guten Begründungen angepasst und sie haben sich an die guten Begründungen angepasst. Tatsächlich war natürlich nichts gut begründet, sondern einfach nur schöngeredet. Statt uns jetzt an den Kindern zu orientieren, bilden wir uns lieber ein, dass Schönreden und Vernünftigsein besser sind. So können wir währenddessen weiterhin sinnlos streben oder sinnlos nach Spiritualität suchen. Wir suchen nach einer Spiritualität, die schon immer hier war, die wir aber gut begründet, sehr vernünftig unterdrückt haben. Die wollen wir auch nicht mehr rauslassen, denn dann könnte es ja sein, dass uns jemand sagt, wir seien kindisch, naiv oder gar in der Pubertät hängen geblieben. Und selbstverständlich wirkt das am Anfang etwas ungelenk, unbeholfen, wenn wir diese ursprüngliche Freiheit, die keine Begründung gebraucht hat, wiederentdecken. Wir werden dann tollpatschig und auch ziemlich überdreht und vielleicht ist das gar nicht so schlecht, da einige von uns ihre Kindheit nachholen müssen. Entgegen allen Befürchtungen, die unser ach so vernünftiger Verstand hat, führt das in der Regel aber nicht dazu, dass wir vollkommen hilflos und tollpatschig durch die Welt rennen. Ganz im Gegenteil, wir werden im Lauf der Zeit geerdeter und stabil in uns, auch in unserer Naivität, in unserer kindlichen Freude, in unserer Unbedarftheit, wenn wir einfach vollkommen begründungsfrei leben.