Ich will nicht gerettet werden. Ich will mich verlieren, damit ich mich selbst finden kann. Wenn du mich versuchst zu retten, verunmöglichst du beides. Du verhinderst, dass ich mich verliere. Und du verhinderst, dass ich mich wieder selbst finden kann. Die Art und Weise, wie wir andere retten wollen, ist höchst unbrauchbar und immer verbunden mit “Ich weiß es besser als du!” Also mit Klugscheißerei und mit einem ausgeprägten Helfersyndrom. Erst wenn du realisierst, dass du niemanden retten kannst und auch gar nicht retten musst, wirst du für andere wirklich hilfreich. Die Menschen wollen dann von dir gar nicht mehr gerettet werden. Sie wollen das, was du hast. Sie wollen die Erkenntnis, die du hast. Denn sie können sehen, dass du nicht mehr im Leid bist. Und sie fragen sich, wie du das machst. Und wie immer geht natürlich auch das weder künstlich noch schnell. Es ist ein Prozess für dich zu erkennen, dass du niemanden retten kannst und auch nicht musst. Und nur weil du es erkennst und akzeptierst, dass es so ist, heißt es nicht, dass am nächsten Tag die Menschen Schlange stehen vor deiner Tür. Diese Art von Konsequenzen ist nur ein weiterer Trick deines Verstandes, der immer nur in Ergebnissen denkt und der auch nur in Ergebnissen denkt, die er schon kennt. Diejenigen Ergebnisse, die er noch nicht kennt, kann er gar nicht denken. Deshalb ist er so eingeschränkt in seiner Fähigkeit, sich Veränderung und die Zukunft vorzustellen. Er hat keine Ahnung, wo dich Transformation hinbringt. Und deshalb macht er sich ganz konkrete Vorstellungen davon. Denn sonst müsste er ja feststellen, dass er es noch nie in der Hand hatte, weil er keine Ahnung hat. Und dass er seit Jahrzehnten nur fantasiert und deine erlebte Realität gar nicht mitbekommt. Über Jahre wäre ich froh gewesen, wenn mir Menschen gespendet hätten und mir geholfen hätten. Ich dachte wirklich, das wäre Hilfe, bis ich es vollkommen anders erlebt habe. Ich habe es als Hilfe erlebt, dass ich nichts bekommen habe, obwohl ich es erwartet hätte. Ich habe erlebt, dass Menschen ihre Hilfe beendet haben, mit der ich bisher selbstverständlich rechnen konnte, auf die ich mich verlassen konnte. Und da denken wir ja immer, das sei etwas Gutes. Tatsächlich habe ich erlebt, dass es etwas Gutes war, mich nicht mehr darauf verlassen zu können und dass diese Hilfe sogar komplett wegfällt. Und nicht nur eine Hilfe, sondern alle. Helfen, unterstützen und retten musst du nur Projekte, die von selbst nicht stabil stehen. Du unterstützt also ein schwaches Fundament mit deiner Spende und du kannst dir nicht vorstellen, dass diese Spende nicht nur nicht hilfreich ist, sondern vielleicht sogar etwas verhindert. Bei mir war es so: Es war gut, dass alle Projekte, die von sich aus nicht funktioniert haben, nicht mit Spenden unterstützt wurden und nicht aus anderen Gründen dann doch noch funktioniert haben. Es war gut, dass ich mich dadurch verloren gefühlt habe, abgelehnt, nicht anerkannt, hilflos. Denn das hat mich so sehr auf mich selbst zurückgeworfen, dass ich wieder bei mir angekommen bin. Jede Spende, jede Hilfe, jede Rettung hätte diesen Prozess nur unnötig verzögert. Und ich wäre abhängig geworden. Abhängig von Spenden, abhängig von Hilfe und abhängig von Rettung. Ich wäre ein Rettungs-Junkie geworden und genau genommen war ich einer, denn ich war der festen Überzeugung, dass mir die anderen etwas schuldig sind. Aus welchem Grund wusste ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, woher diese Überzeugung kam. Aber sie war auch so tief und so fest, dass ich sie gar nicht hinterfragt habe. Durch diesen Weg bin ich unmanipulierbar. Keine Spende, kein Geld, ganz egal, in welcher Höhe, können mich locken. Diese Zeiten sind vorbei. Und ich habe auf sehr absurde, seltsame Art und Weise den Beweis dafür bekommen. Ich könnte fast sagen: »Ich wurde getestet.« Und dadurch wurde es noch klarer: Ich will nicht gerettet werden. Ich habe es gar nicht nötig. Ich bin kein Opfer. Ich bin nicht hilfsbedürftig. Und zwar vollkommen unabhängig davon, in welcher Situation ich mich gerade befinde und wie viel Geld ich zur Zeit habe oder nicht habe. Mein Fundament, das ich durch Nichtrettung gefunden habe, ist stabiler als jede Rettung.