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    9.2.2023AQ 1903
    »Das ist der Kern von Wissenschaft: Man irrt sich, hat aber einen guten Beweis dafür.«
    0:006:11
    Das ist der Kern von Wissenschaft: Man irrt sich, hat aber einen guten Beweis dafür. Wissenschaft ist immer nur der aktuelle Stand des Irrtums. Und wie jeder weiß, ist Irrtum nie einfältig, sondern mannigfaltig. Es gibt nicht nur einen Irrtum, sondern viele Irrtümer. Das muss man erstmal aushalten. Man muss erst einmal in der Lage sein, den aktuellen Stand seines Wissens als Irrtum einzuschätzen. Wissenschaft als solches gibt es nicht. In den vergangenen Jahren wurde sie verfremdet und falsch dargestellt. Wissenschaft beinhaltet immer verschiedene Standpunkte. Es gibt nie eine, die richtige Wissenschaft. Vieles, was früher wissenschaftlich anerkannt und als bewiesen galt, hat sich als Irrtum herausgestellt. Doch aus irgendeinem seltsamen Grund neigen wir dazu, unseren aktuellen Stand des Irrtums als unumstößliche, korrekte Wissenschaft darzustellen. Wir schließen diese Möglichkeit, dass wir uns wieder einmal irren könnten, wie wir es schon so oft getan haben, einfach aus. Das ist im besten Fall dumm und im schlimmsten Fall überheblich, denn es ermöglicht keine neuen Erkenntnisse. Die Idee von einer fertigen, abgeschlossenen Wissenschaft verhindert Wissenschaft. Es verhindert die Forschung. Es verhindert neue Thesen. Es verhindert neue Entdeckungen. In einem Klima, in dem behauptet wird, dass es nur eine einzige richtige Wissenschaft gibt, kann niemand forschen. Und nur Menschen, die forschen und vor allem sich selbst erforschen, können gute Wissenschaftler sein. Denn nur diese Menschen werden feststellen, dass sie am Ende, nachdem sie ganz viel nachgedacht haben, ganz viel berechnet haben, immer wieder dorthin zurückkommen, wo alle anderen Menschen auch sind: Im Gefühl. Auch Wissenschaftlern geht es nur um ihr Gefühl. Auch dann, wenn sie es bestreiten oder ablehnen. Echte Wissenschaftler müssen also mit ihren Gefühlen klarkommen und wenn sie echte Wissenschaftler bleiben wollen, dann müssen sie ihre Angst fühlen können: Ihre Angst, falsch zu liegen. Ihre Angst, von den Kollegen ausgelacht zu werden, fertig gemacht zu werden. Ihre Angst, die Förderung zu verlieren, weil sie die falsche wissenschaftliche Meinung vertreten, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Wissenschaft ist immer nur in Vielfalt erfolgreich. Sie lebt nicht nur vom Diskurs und vom Dialog und auch vom Streit. Sie kann einheitlich gar nicht existieren, denn gleichgeschaltet existiert kein einziges wissenschaftliches Prinzip. Die absurde Idee, dass bereits alles erforscht sei, hält viel zu viele Menschen davon ab zu forschen. Die absurde Idee, dass andere bereits die Grundlagen gelegt haben, an die man sich halten muss, weil man sonst kein Wissenschaftler ist, verhindert echte, originelle Wissenschaft. Es war noch nie ein gutes Zeichen, wenn die Mehrheit der Menschen denkt, es gäbe nur eine einzige wissenschaftliche Richtung.