Wenn etwas wegfällt, das einen bisher emotional stabilisiert hat, entsteht eine Krise. Wir wurden alle destabilisiert, indem man uns beigebracht hat, unsere Aufmerksamkeit von innen nach außen zu verlagern. Deshalb ziehen wir alle unsere Stabilität nicht aus unserem Inneren. Wir versuchen stattdessen, uns über äußere Umstände zu stabilisieren. Ein beliebter äußerer Umstand, der zu einer scheinbaren inneren Stabilisierung führt, ist ein handfestes Feindbild. Unser Fokus auf dieses scheinbare Feindbild sorgt dafür, dass wir von unserem Innen abgelenkt sind. Dieses Innen erscheint uns sehr instabil, obwohl es das nicht ist. Die gefühlte Instabilität rührt daher, dass wir nicht in der Lage sind, unseren Fokus stabil innen zu halten. Der konstante Wechsel zwischen innen und außen wird von uns als innere Instabilität fehlinterpretiert und deshalb lenken wir unseren Fokus lieber auf die Außenwelt, etablieren dort Feindbilder, die stabil erscheinen und falls sie nicht mehr stabil erscheinen, jederzeit durch ein neues Feindbild ersetzt werden können. Diese Feindbilder gibt es auf allen Ebenen. Von der Familie über das Berufsleben bis hin zu den Politikern ist jedes Feindbild möglich und auch willkommen, denn es stabilisiert ja scheinbar unsere Welt. Die Krise, die entsteht, wenn so ein Feindbild wegfällt, will niemand erleben. Deshalb stabilisieren die meisten so lange, bis der Wegfall nicht mehr verhindert werden kann. Wenn wir diese Stabilisierung durch Feindbilder kollektiv erleben, mündet das im Krieg und der endgültige Wegfall dieser stabilisierenden Feindbilder mündet kollektiv in einer Apokalypse, in einer Offenbarung. Ob wir das als Horror erleben oder ob wir diese Entschleierung als Horror oder als Erlösung erleben, hängt mit unserer Fähigkeit loszulassen zusammen. Je mehr wir an Altem festhalten, obwohl es ganz offensichtlich wegbricht, desto eher wird es eine Horrorshow. Und je mehr wir das Alte gehen lassen können, desto befreiender fühlt es sich an.