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    10.1.2023AQ 1873
    »Liebe ist das Gegenteil von Ratio.«
    0:005:49
    Liebe ist irrationale Anziehung. Man könnte auch sagen: »Liebe ist das Gegenteil von Ratio.« Liebe kannst du dir nicht ausdenken. Liebe kannst du nicht begründen und du kannst sie dir auch nicht herdenken. Liebe ist irrationale Anziehung im Moment, ohne Versprechen an die Zukunft und ohne Gedanken an die Vergangenheit. Deshalb muss und kann Liebe gar nicht verzeihen. Sie ist irrational. Sie denkt nicht darüber nach, was falsch gelaufen ist. Sie denkt nicht darüber nach, was gut gelaufen ist, was richtig war. Und sie denkt auch nicht darüber nach, was in Zukunft falsch laufen könnte oder besser werden sollte. All das hat mit Liebe nichts zu tun. Liebe ist eben nicht erklärbar. Noch nie hat sich jemand durch Nachdenken verliebt. Das ist auch ein schönes Sinnbild für Gefühle ganz generell: Gedanken haben in der Gefühlswelt nichts verloren. Sie sind nicht nur nicht hilfreich, sie können dort gar nicht existieren. Mehr noch: In der Präsenz von Gefühlen sind Gedanken überflüssig. Sie werden nicht gebraucht, denn die Gefühle sind bedeutender und stärker. Sie sind bedeutender und stärker als jeder Gedanke. Deshalb handelt kein Mensch rational, auch wenn er sich das noch so sehr einredet oder vorstellt. Jeder Mensch handelt emotional. Deshalb ist unser Versuch, die Welt rational zu begreifen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es wird nicht funktionieren, egal, wie sehr wir uns anstrengen. Unsere einzige Möglichkeit, die Welt zu begreifen und unser Leben zu meistern, ist die vollkommene Immersion, das komplette Eintauchen in die Gefühle. Wenn wir das nicht tun, scheitern wir auf vielfältige Art und Weise, ganz egal, ob wir das Lebenskrise, Midlife-Crisis, Depression, Burn-Out und so weiter nennen. Die Ursache ist immer die gleiche: Wir wollen unsere Gefühle nicht als Körperempfindung wahrnehmen. Und weil wir das nicht wollen, sind alle unsere Anstrengungen darauf fokussiert, die Gefühle zu verdrängen. Das funktioniert bis zu einem gewissen Punkt und sobald dieser Punkt eintritt, lassen wir uns eine Diagnose geben. Eine Diagnose, die uns sagt, was wir haben, statt was uns fehlt, verbunden mit dem dringenden Wunsch, wieder zurück in die alte Normalität zu wollen, obwohl die alles andere als normal war und obwohl genau dieser Punkt eine ideale Möglichkeit wäre, sein Leben zu überprüfen, sich das genau anzuschauen, was man bisher für normal gehalten hat, nämlich die Ratio, und dass man bis zu diesem Punkt alles Irrationale, nämlich die Gefühle, verdrängt hat.