»Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.« Albert Camus Dieses Zitat ist angeblich falsch übersetzt. Im französischen Original bedeutet Ehrlichkeit auch gleichzeitig Anstand. Das Zitat müsste also lauten: »Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist Anstand.« Aber auch da stellt sich die Frage: Was ist denn damit gemeint? Wie ist Anstand definiert? Und das hängt davon ab, was man weiß oder was man meint zu wissen. Es gibt nämlich Menschen und Geschichtsschreiber, die berichten von der Pest und auch von anderen Epidemien etwas anderes als die offizielle Geschichtsschreibung. Und dann stellt sich die Frage, ob Albert Camus wusste, was wir wissen. Wissen nicht im Sinn von absoluter Wahrheit, sondern im Sinn der Möglichkeit einer weiteren Wahrheit. Nämlich dass zum Beispiel Ärzte, als die Pest verschwand, weiterhin versucht haben, die Pest zu verbreiten, weil es für sie ein einträgliches Geschäft war. Und natürlich protestiert da jetzt der ein oder andere und behauptet: »Das stimmt ja gar nicht. Das ist offiziell gar nicht anerkannt.« Und dann frage ich mich: »Woher wollen die wissen, dass das offiziell Anerkannte stimmt?« Wir waren alle nicht dabei. Es sind alles nur Geschichten. Und dann kommt noch was dazu. In dem Roman geht es überhaupt nicht um die Pest, sondern um die Besetzung Frankreichs durch Deutschland und um den französischen Widerstand »La Resistance«. Dann plötzlich kannst du dieses Wort Anstand noch einmal ganz anders verstehen. Und auch da hängt es wieder davon ab, was du verstehen kannst, welche Geschichten du dabei im Kopf hast. Du kannst dieses Zitat auch in die heutige Zeit übertragen und dann wird es richtig spannend. Dann heißt es nämlich: »Die einzige Art, gegen die Pandemie zu kämpfen, ist Anstand.« Und in diesem Moment, in dem du das Zitat so verstehst, kannst du mal zwei, drei Schritte von deiner eigenen Meinung zurücktreten. Und dann kann dir auffallen, dass dieses Zitat wirklich jeder zitieren könnte. Unabhängig von seiner Meinung oder seiner Überzeugung. Denn Anstand ist frei definierbar und vor allem von deiner Überzeugung abhängig. Und wenn dir das klar wird, dann wird es wirklich wild. Denn dann muss dir auffallen, dass du gar niemanden verurteilen kannst. Auch diejenigen, die aus deiner Sicht nicht anständig waren. Denn du weißt nicht, was ihre Überzeugung war. Und die Frage, die wir in Deutschland gestellt haben: »Wie konntet ihr das zulassen?« ist sowohl naiv als auch überheblich. Denn wir kennen die Überzeugungen nicht. Und hinterher ist man immer schlauer. Allerdings nur, wenn man bewusst bleibt. Wenn man nicht bewusst bleibt, sitzt man auf einem unheimlich hohen Ross und man bildet sich dabei nur ein, dass man ein unfassbar anständiger Mensch ist. Das ist man aber nur auf Kosten anderer, nämlich dadurch, dass wir ein Urteil haben, das wir uns gar nicht erlauben können. Nicht nur, weil wir es selbst nicht erlebt haben, sondern auch, weil wir selbst versagen würden. Die meisten von uns sogar unabhängig davon, wofür sie stehen oder nicht stehen. Anstand und Ehrlichkeit gibt es immer nur dir selbst gegenüber. Niemals anderen gegenüber, da du dir das nur vorstellen kannst. Denn du weißt nicht, was der andere als anständig und ehrlich betrachtet. Aber du kannst in dir nachschauen, was du als anständig und ehrlich empfindest. Und jetzt kannst du dieses Zitat noch einmal lesen: »Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, sind Anstand und Ehrlichkeit.«