Wenn »Schäm dich!« nicht mehr funktioniert, wird »Ich schäm mich für dich!« daraus. Zuerst versuchen wir, dem anderen Scham einzureden, um ihn damit zu manipulieren und zu erpressen. Wenn das nicht funktioniert, sagen wir, dass wir uns selbst für ihn schämen. Das ist die gleiche Erpressung. Wir wollen immer noch, dass es sich verändert, nur die Erpressungsmethode hat sich verändert. Wenn wir merken, dass er zu stabil ist, um die erste Variante der Erpressung auszuhalten und nicht darauf hereinzufallen, dann spielen wir das Opfer. Erst waren wir der Täter, der sagt: »Schäm dich!« Und dann sind wir das Opfer, das sagt: »Ich schäm mich so für dich!« Unsere Manipulationsversuche sind ein trickreiches Spiel. Denn tatsächlich wollen wir ja gar nicht den anderen manipulieren, sondern uns selbst. Wir sagen das ja nur deshalb, weil wir diejenigen Gefühle, die der andere in uns auslöst, nicht fühlen wollen. Wir wollen also den anderen manipulieren, damit wir nicht fühlen müssen. Wären wir bereit, alles zu fühlen, bräuchten wir nie wieder sagen: »Schäm dich!« Und wir bräuchten uns auch nie wieder für irgendjemand schämen. Denn wir könnten einfach die damit verbundene Körperempfindung fühlen. Damit wird jede Manipulation überflüssig. Und natürlich ist das total schwierig, dieses Manipulationsspiel zu verlassen, denn wir haben seit unserer Kindheit nichts anderes gelernt, gesehen, erlebt. Viel zu viele wollten uns aufgrund ihrer eigenen Gefühle, die sie nicht fühlen wollten, manipulieren. Und natürlich war uns nicht klar, warum sie das tun. Und wir dachten tatsächlich, dass wir uns schämen sollten oder dass unser Verhalten so komisch ist, dass sich andere für uns schämen. Und tatsächlich ist es gar keine Scham, sondern ein Manipulationsversuch. Ein Manipulationsversuch der eigenen Gefühle mit dem Umweg über andere. Das ist auch der einzige Grund für den Wunsch nach Verhaltenskontrolle. Wir wollen andere nur dann kontrollieren, wenn wir unsere Gefühle kontrollieren wollen, weil wir sie nicht fühlen wollen, weil wir sie nicht aushalten, wie wir sagen. Schäm dich also nicht und wisse, dass man sich für dich nicht schämen braucht, sondern fühl alle Körperempfindungen, die diese beiden Sätze in dir auslösen.