Wir sind traumatisierte Kinder in ausgewachsenen Körpern. Wir erscheinen erwachsen, sind es aber nicht. Wir sind nur ausgewachsen und wir versuchen, unser Trauma und unsere Unsicherheit zu überspielen. Einigen gelingt das besser, anderen gar nicht. Diejenigen, denen das gelingt, werden als normal bezeichnet. Alle anderen fallen aus der Norm, werden missachtet oder sogar verachtet und ausgestoßen. Diejenigen, die das tun, sind sich aber gar nicht klar, warum sie das tun. Sie machen das nicht, weil die anderen schlimm sind oder unnormal. Sie machen das, weil sie von den anderen an das erinnert werden, was sie erfolgreich überspielt haben.Wir müssen also nicht einfach nur unser inneres Kind finden. Wir müssen mit unserem inneren traumatisierten Kind klarkommen. Und da brauchen wir auch gar nicht lange suchen. Es ist wirklich nicht kompliziert, das zu finden. Denn das ist alles, was wir sind. Wir haben nur ausgeklügelte Verdrängungsmechanismen gefunden, die es uns erlauben, normal zu erscheinen. Jede Sucht ist so ein Verdrängungsmechanismus. Und es gibt auffällige Süchte und weniger auffällige. Es gibt sogar anerkannte Süchte und welche, die gefeiert werden. Sie werden gefeiert, indem sie zum Ideal erhoben werden. Und manchmal fallen wir auf diese Ideale herein. Wir glauben sie und wir orientieren uns daran. Bei diesem Thema gibt es aber ein großes Problem. Denn wir verurteilen Sucht. Wir tun so, als wäre es etwas Schlechtes, etwas, das es zu bekämpfen gilt. Und dabei ist es genau dieser Kampf, der die Sucht am Leben hält. Jede Sucht löst ein Problem.Es gibt einen Münchner Streetartist, der heißt oder nennt sich 'Sucht'. Und er hat auf eine Brücke am mittleren Ring geschrieben: "Sucht sucht." Und er unterschrieb mit 'Sucht'. Wir suchen den Weg aus dem Trauma heraus. Und jede Sucht ist eine Lösung dafür. Jede Sucht hilft uns, den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Sucht kann deshalb nur dann enden, wenn wir bereit sind zu fühlen. Solange wir nicht fühlen wollen, brauchen wir Sucht als Verdrängungsmöglichkeit. Wir müssten Süchte nie wieder bekämpfen, wenn wir bereit wären zu fühlen. In dem Maß, in dem unsere Kapazität zu fühlen zunimmt, schwindet die Notwendigkeit von Verdrängung und damit auch die Notwendigkeit von Sucht.