Wir haben nicht gelernt, spirituelle Lehrer zu fühlen. Man könnte auch sagen: »Wir haben nicht gelernt, spirituelle Lehrer zu erkennen.« Es heißt ja, dass jeder Mensch mit einer Gabe hierher kommt. Stell dir vor, du hast ein Kind und dieses Kind hat eine Gabe. Es fängt mit drei Jahren an, auf den Töpfen zu trommeln. Und mit fünf Jahren beginnt es Geige zu spielen. Mit sieben Jahren hat es die ersten Auftritte und mit zehn ist es ein gefeierter Star. Das kannst du erkennen. Das können auch andere erkennen. Solche Gaben, solche Talente sind erkennbar. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Es kann gut sein, es kann aber auch schlecht sein, dass man das so leicht erkennen kann. Stell dir vor, dein Kind beginnt mit vier Jahren zu zeichnen. Es wird immer besser. Mit acht Jahren malt es Gemälde und mit zwölf Jahren ist es besser als die meisten Künstler. Auch das kann man erkennen. Das kann man sehen. Es ist nicht schwer. Das kannst du vor allem deshalb erkennen, weil du es nicht kannst. Weil du dazu nicht in der Lage bist und weil du noch nicht einmal dazu in der Lage wärst, selbst wenn du es die nächsten zehn Jahre üben würdest. Selbst wenn du versuchen würdest, Geige zu spielen oder zu zeichnen. Du würdest es mit keinem Unterricht dieser Welt schaffen, an das Niveau deines Kindes heranzukommen. Oder stell dir vor, dein Kind beginnt mit sechs Jahren zu laufen. Ich meine nicht zu gehen, sondern zu laufen. Es beginnt zu joggen. Es läuft irgendwann die 5.000 Meter, die 10 Kilometer und mit zwölf Jahren den Halbmarathon und mit vierzehn schlägt es die meisten Erwachsenen. Auch das würdest du erkennen. Auch andere würden das erkennen. Die würden das Talent sehen und vielleicht würden sich sogar einige Trainer bewerben, ob sie dein Kind trainieren dürfen. Und du weißt, egal wie fit du in diesem Leben noch wirst, so schnell wie dein Kind läufst du keinen Halbmarathon. All das sind offensichtliche Gaben, offensichtliche Talente. Die sind vor allem deshalb offensichtlich, weil du dich mit deinem Kind vergleichen kannst und dein Kind mit dir, weil es mehr oder weniger objektive Anhaltspunkte dafür gibt. Im Sport ist es natürlich am leichtesten, da gibt es Zeiten und Weiten. Und auch beim Zeichnen und in der Musik gibt es die Möglichkeit einzuschätzen, wie gut dein Kind ist. Was machst du, wenn dein Kind ein geborener Philosoph ist? Und was fällt dir auf, wenn dein Kind ein geborener Psychologe ist? Und wie gehst du damit um, wenn dein Kind ein spiritueller Lehrer ist? Könntest du es überhaupt erkennen? Wenn ja, wie? Und vor allem: Würdest du es überhaupt erkennen wollen? Ein spiritueller Lehrer hat dir voraus, dass er sein Ego und dein Ego erkennen kann. Willst du, dass jemand dein Ego erkennt? Oder könnte es sein, dass du denjenigen eher bekämpfen würdest? Was, wenn dein Kind dich besser erklären könnte, als du dich selbst? Wenn es tiefe psychologische Einblicke hat in dich und dein Leben? Und was, wenn es zu philosophischen Höhenflügen ansetzt, die dir suspekt erscheinen und die deinen Geist weit in den Schatten stellen? Wie würde es dir gehen, solche Kinder zu haben? Wie würde es dir mit einem Kind mit einer offensichtlichen Gabe gehen und wie wäre es für dich mit einem Kind mit einer nicht so offensichtlichen Gabe? Bei einem Kind mit einer offensichtlichen Gabe musst du nur den Teil deines Egos anschauen, der in Konkurrenz steht, in offensichtlicher Konkurrenz. Du musst zugeben: »So gut wie mein Kind werde ich in diesem Bereich nie werden.« Ein Kind, das die Gabe eines spirituellen Lehrers hat, wird dein Ego in allen Bereichen herausfordern und dich in Frage stellen. Alle haben dir beigebracht, wie du das Offensichtliche vergleichen kannst. Die ganze Welt hat dir gezeigt, wie es geht, dich am Offensichtlichen zu messen. Und keiner hat dir beigebracht, wie das im Bereich des Nicht-Offensichtlichen geht.