Lass die Illusion in dir zusammenbrechen, dass du für andere verantwortlich bist und dass du ihnen helfen musst. Auch und gerade in der spirituellen Szene gibt es diese Illusion, dass in Gemeinschaft alles besser funktioniert. Wir müssten nur endlich tolle Gemeinschaften gründen, wo wir gegenseitig helfen und schon wird alles gut. Du weißt aber gar nicht, von wo diese Hilfe kommt. Du weißt nicht, welche unbewusste Absicht hinter der Hilfe der anderen steckt. Du weißt ja noch nicht einmal, was hinter deinem Drang zu helfen steckt. Wie sollten es dann die anderen wissen? Es ist sehr leicht, sich da etwas vorzumachen, denn du kannst natürlich immer sagen: "Na ja, Stefan, ich will helfen, weil ich so ein guter Mensch bin!" Und das stimmt, dass du ein guter Mensch bist. Aber das ist nicht der Grund, warum du helfen willst. Der Grund für unser Helfersyndrom ist immer Kompensation. Wir wollen Gefühle ausgleichen. Wir wollen Gefühle verdrängen. Wir wollen die schöneren Gefühle hervorheben. Und unbewusst wollen wir noch so viel mehr. Wir finden es zum Beispiel gut, wenn andere von uns abhängig sind. Das gibt uns Stabilität und Sicherheit, denn wenn wir auf nichts mehr vertrauen können, auf die Abhängigkeiten können wir vertrauen. Und in Gruppen gibt es dann zusätzlich noch das Phänomen, dass wir uns ungefragt in die Angelegenheiten anderer einmischen. Also nicht nur in die Angelegenheit eines anderen, sondern zum Beispiel, wenn zwei sich streiten. Das wäre eigentlich deren Angelegenheit und sie müssten es klären. Aber dann versuchen wir Mediator zu spielen und zu vermitteln und wir wollen dann wieder eine gute Atmosphäre herstellen. Aber all das nur deshalb, weil wir es nicht aushalten, wenn keine gute Atmosphäre herrscht, weil wir diese Gefühle einer schlechten Atmosphäre nicht fühlen wollen. Es berührt uns peinlich. Wir sind betroffen. Vielleicht schämen wir uns fremd, vielleicht verstehen wir nur eine Seite oder beide Seiten nicht. Und wir sagen und denken: "Na, hört doch endlich auf zu streiten. Es wäre doch so viel schöner, wenn kein Streit wäre!" Lass diese Illusion in dir zusammenbrechen, dass es ohne Streit schöner wäre, dass du anderen helfen kannst und musst. Dann passiert nämlich etwas sehr Absurdes. Dadurch dass du das machst, wirst du für andere plötzlich hilfreich. Einfach deshalb, weil du ein echtes Vorbild bist. Um dich nämlich authentisch heraushalten zu können, darfst du weder involviert sein, noch darfst du so tun, als würde es dich nichts angehen. Denn tatsächlich fühlst du ja etwas. Du müsstest also statt einzugreifen oder dich einfach zurückzuziehen, deine Gefühle fühlen und schauen, was daraus entsteht. Daraus kann Rückzug entstehen, daraus kann auch Einmischung entstehen, aber vorher war dein Fokus auf dir, statt auf den anderen. Wir sind als Bettler für andere nicht hilfreich. Und solange wir Absichten haben, sind wir Bettler. Wir können gar nichts geben. Wir sind überhaupt nicht in der Lage dazu, weil wir selbst nichts haben. Und natürlich hat dieses Haben nichts mit materiellen Umständen zu tun, sondern mit einem Zustand in dir. Man könnte sagen: "Dem Zustand der Fülle." Aber das wäre nicht ganz richtig. Besser muss ich sagen: "In dem Zustand von Bewusstsein." Wenn du dir deiner selbst bewusst bist, erst dann kannst du eventuell für andere hilfreich werden.