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    27.10.2022Aq 1798
    »Im Moment vollkommener Klarheit existierst du nicht mehr.«
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    Im Moment vollkommener Klarheit existierst du nicht mehr. Zum Menschsein brauchst du ein bisschen Unklarheit.

    Wir denken und wir fordern von uns, dass wir klar sein sollten. Wir sind der Meinung, wir bräuchten viel mehr Klarheit. Und das meinen wir vor allem dann, wenn sie nicht da ist. Wenn Klarheit hier ist, fällt es uns gar nicht auf. Denn dann denken wir nicht darüber nach und wir wissen gar nicht, dass wir gerade klar waren.

    Und so quält dich dein Verstand, dass du endlich Klarheit schaffen solltest, obwohl sie nicht da ist. Und dann versucht der Verstand, diese Aufgabe zu übernehmen und er bildet sich plötzlich ein, Klarheit zu haben. Er wüsste jetzt, was er will. Und im nächsten Moment merkst du: "Stimmt gar nicht!" Und so wirst du von ihm hin und her gerissen. Aber nicht deshalb, weil du hin und her gerissen bist, sondern deshalb, weil du nicht bereit bist, zu deiner Unklarheit zu stehen, weil du nicht bereit bist zu sagen: "Ich weiß noch nicht, was ich will. Ich bin nicht klar." Und das ist auch in Ordnung.

    Solange ich mir nicht klar bin, brauche ich auch keine Entscheidung fällen. Ich muss mich nicht entscheiden. Ich entscheide mich, wenn ich klar bin, also nachdem die Entscheidung in mir gefallen ist. Diese Entscheidung kommt nicht durch Denken zustande. Klarheit ist kein Prozess von Denken. Klarheit ist ein Gefühl in dir. Und Unklarheit ist ein essentieller Bestandteil des Menschseins. Zum Menschsein braucht es ein bisschen Unklarheit. Wenn du die ganze Zeit nur klar bist, dann gibt es keinen Weg mehr. Im Moment vollkommener Klarheit existierst du nicht.

    Ich habe von meinem Lehrer dazu eine lustige Geschichte gehört. Von einem Meister, der vollkommen erleuchtet war und während des Satsangs schon immer zu seiner Frau in die Küche gegangen ist und gefragt hat, was es zu essen gibt und wann das Essen endlich fertig sei. Den Schülern ist das natürlich aufgefallen und sie haben ihn gefragt: "Meister, du bist doch vollkommen erleuchtet. Wieso diese Ablenkung und diese Sache mit dem Essen? Das ist doch komisch." Darauf hat er geantwortet: "Ja, das stimmt. Ihr habt recht. Aber ich brauche noch was, was mich hier hält. Und für mich ist das das Essen." Das ist Unklarheit: "Wann ist das Essen fertig?" Diese kleine Unklarheit hat er gebraucht, um als Mensch hier zu sein.