Unser Ego lügt, weil es sich schützen muss. Im Licht der Wahrheit kann es nicht existieren. Mit der Lüge des Egos meine ich in dem Fall nicht, ob jemand ehrlich ist oder unehrlich. Die Lüge des Egos ist raffinierter. Deshalb fällt sie uns nicht auf. Die Lüge des Egos ist der Glaube an eine Geschichte. Der Glaube an deine Geschichte. Diese Geschichte kann positiv, aber auch negativ sein. Und die positiven Varianten sind selten wirklich positiv. Ich sag dir ein Beispiel. Das Ego sagt: »Ich bin Chefarzt.« Oder: »Ich bin Lehrer.« Und das ist eine Lüge. Das bist du nicht. Das ist eine Rolle, die du angenommen hast, eine Maske, eine Person, die du aufgezogen hast und mit der du dich identifizierst. Selbstverständlich spricht überhaupt gar nichts dagegen, Chefarzt zu sein und auch nicht Lehrer zu sein. Nichts spricht gegen irgendeine Rolle, gegen irgendeine Funktion, die du für andere, für dich übernimmst. Aber deine Identifikation damit und deine Definition darüber, die macht keinen Sinn. Denn die ist eine Lüge. Im Licht der Wahrheit bist du Chefarzt, aber das ist nur deine Rolle. Das bist du nicht. Und es gibt natürlich auch die Identifikation im negativen Sinn. Die ist nicht besser oder schlechter, nur anders. Wenn du zum Beispiel sagst: »Ah, ich bin ein Versager. Ich habe noch nie was auf die Reihe bekommen und ich werde auch nie was auf die Reihe bekommen.« Auch das ist dein Ego, das sich mit deiner Geschichte identifiziert. Es jammert auch gern. Und am allerliebsten schwankt es zwischen den Extremen. Es sagt dir einerseits, wie toll du bist und andererseits, wie wenig du drauf hast. Beides ist eine Lüge. Du bist weder schlecht noch toll. Du bist. Du bist einfach. Eine weitere Definition kann es dafür nicht geben. Und eine weitere Definition braucht es auch gar nicht. Wenn du dich nicht identifizierst mit der Geschichte, kannst du dir lustigerweise jede Geschichte erzählen und du kannst dir auch jede Geschichte anhören. Es spricht nichts dafür und auch nichts dagegen. Du erzählst Geschichten und du hörst dir Geschichten an. Die Geschichten sind weder falsch noch richtig und du brauchst auch nicht jedem sagen, der dir gerade eine Geschichte erzählt, dass sein Ego lügt. Wenn du eine Geschichte genießt, hörst du sie dir an. Wenn du sie nicht genießt, fühlst du dein Gefühl und dann gehst du entweder oder du fühlst dein Gefühl noch ein bisschen weiter. Die Geschichte, was du schon erreicht hast oder was du alles nicht erreicht hast und die Geschichte, was andere alles erreicht haben oder nicht erreicht haben, ist nicht wahr. Du kannst sie dir aber trotzdem anhören und du kannst sie auch selbst erzählen. Denn der entscheidende Punkt ist nicht, ob du die Geschichten hörst oder selbst erzählst. Der entscheidende Punkt ist, ob du sie glaubst. Und damit meine ich nicht, ob du oder andere diese Geschichte wirklich erlebt haben, sondern ob du glaubst, dass du deine Geschichte bist.