Ein Gefühl braucht keine Geschichte. Unser Verstand sucht zu jedem Gefühl, zu jeder Körperempfindung eine passende Geschichte. Dass er das wirklich tut und zwar unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht, kann uns erst einmal nicht auffallen. Denn die Geschichten, die er sich sucht, liegen im nahen zeitlichen Zusammenhang mit den Körperempfindungen, die wir fühlen. Und da Gedanken und Körperempfindungen meistens Ping-Pong spielen, können wir es nicht entdecken, können wir nicht sehen und fühlen, dass beides tatsächlich nicht voneinander abhängt. Das kannst du erst dann realisieren, wenn du Gefühle hast, also Körperempfindungen, ohne dass du nachgedacht hast, ohne dass ein Gedanke da war, ohne dass du an eine Geschichte gedacht hast oder ohne dass du etwas erlebt hast. Und dazu musst du in der Lage sein, deine Körperempfindungen pur zu fühlen. Sobald dir das möglich ist, wirst du automatisch herausfinden und sogar herausfinden müssen, dass du bisher deinen Körperempfindungen erstens Namen gegeben hast, die aus dem Verstand kommen und die nicht die Körperempfindung sind. Und du wirst zweitens feststellen, dass du darüber nachdenkst (und zwar im Nachhinein), woher diese Körperempfindungen kommen könnten. Und was eignet sich dafür besser als eine Geschichte? Etwas, das du erlebt hast, jemand, der nicht freundlich zu dir war, ein Projekt, das schiefgegangen ist, Geld, das dir nicht reicht, ein Partner, der sich nicht so verhält, wie du es gerne hättest und so weiter und so fort. Du wirst immer irgendeine Geschichte finden, die zu dem Gefühl passt, zu der Körperempfindung. Tatsächlich ist diese Körperempfindung aber entstanden ohne einen Gedanken an eine Geschichte. Und ja, das geht. Du hast einfach Körperempfindungen, die tauchen auf und die gehen wieder. Und je weniger sie mit Gedanken und Geschichten verknüpft sind, desto mehr merkst du, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat und dass dein Verstand versucht, das eine mit dem anderen zu verbinden. Denn dann hat er eine Erklärung. Dann hat er jemanden, auf den er sauer sein kann. Oder er hat eine Möglichkeit, ein Problem zu lösen und so weiter. Dann ist er beschäftigt und damit kann er dich beschäftigen. Wenn die Gefühle aber einfach kommen und gehen als Körperempfindung ohne Geschichte, hat er keine Macht. Denn er lebt nur von Geschichten. Deine Gefühle und deine Stimmungen brauchen keine Erklärung. Tatsächlich haben sie auch keine Erklärung. Die Erklärung hat dir dein Verstand bisher nur vorgegaukelt. Er hat so getan, als hätten sie eine Erklärung. Und er konnte dir das glaubhaft vermitteln. Es stimmt aber nicht.