»Bewusste Erziehung« kann es nicht geben, weil Erziehung ein Synonym für Unbewusstsein ist. Etwas, das auf Unbewusstheit aufbaut, kannst du nicht bewusst machen. Vor kurzem hat mir jemand gesagt, er hätte sich bewusst verarschen lassen. Da spielt der Kopf einen kleinen Trick. Es gibt keine bewusste Verarschung, genauso wie es keine bewusste Erziehung gibt. Wenn du dir der Verarschung bewusst bist, dann kannst du mitspielen, mitmachen, aber du wirst nicht mehr verarscht … selbst dann nicht, wenn der andere das denkt. Du hast mitgemacht, du hast dich bewusst dafür entschieden, obwohl du wusstest, dass es der andere nicht gut meint oder was im Schilde führt oder wie immer du sagen willst. Und genauso wenig gibt es bewusste Erziehung. Sobald du dir Erziehung bewusst machst, sobald dir klar wird, was da geschieht, was du willst, warum du es willst, mit welchen Mitteln du es erreichen willst, wie du dabei dich selbst und andere behandelst, kannst du dieses Programm nicht mehr abspulen. Beziehungsweise der erste Schritt ist, es spielt sich zwar noch ab, aber du bist bewusst dabei. Für dein Umfeld kann das trotzdem noch wie Erziehung aussehen, aber du merkst immer mehr, was da tatsächlich stattfindet, und je bewusster du wirst, desto überflüssiger wird alles, was du in dem Zusammenhang tust und denkst und sogar fühlst. Und jetzt stellt sich nur die Frage: Wie kommst du zu mir Bewusstsein? Manche denken, sie kämen zu mehr Bewusstsein, indem sie noch mehr denken. Da wünsche ich dir zwar viel Erfolg dabei, ich halte es für unwahrscheinlich, dass es funktioniert, denn das ist das, was die meisten Menschen ihr Leben lang versuchen. Und dann gibt es natürlich verschiedenste Therapieansätze, meistens beruhen die eher darauf, dass man dich wieder zu einem funktionierenden Teil der Gesellschaft machen will. Mein Weg ist, die Gefühle wahrzunehmen als Körperempfindung und vollkommen in Frieden damit zu kommen, dass diese Variante keine sofortigen Ergebnisse produziert. Je stärker du deinen Fokus während deiner Erziehung auf deine Körperempfindung legst, desto bewusster wird dir, womit dieser Wunsch nach Erziehung oder sogar dieser Drang nach Erziehung, was ja eine gewalttätige Erzwingung in den meisten Fällen ist, wieviel das mit dir und deinen Körperempfindungen zu tun hat und dass du nur deshalb reagierst, weil du nicht bereit bist, diese Gefühle auszuhalten in Anführungsstrichen und tatsächlich zu fühlen. Jede Erziehung ist eine Methode, um deine Gefühle zu verdrängen. Immer dann, wenn du andere verändern willst, willst du deine Gefühle nicht fühlen. Das klingt nur solange seltsam, bis du es erlebt hast. Dann merkst du es. Und dann fällt es dir wie Schuppen von die Augen, dass du das nicht schon früher sehen konntest. Und bis es soweit ist, denkst du dann solche Sachen wie: »Na ja, gewisse Regeln muss es ja geben. Mir hat es auch nicht geschadet. Aber was mache ich denn, wenn sie überhaupt nicht mehr gehorchen?« Und das kann ich alles verstehen. Es geht auch nicht darum, dass du perfekt wirst. Es geht darum, dass du für dich bereit bist, bewusst zu sein, indem du wahrnimmst, warum du etwas tust und warum du etwas willst, woher dieser starke Antrieb kommt, dich durchsetzen zu wollen und ob du erkennen kannst, dass alle deine Vorstellungen vollkommen absurd sind. Und das meine ich nicht philosophisch, dass du sagst: »Ja, wir haben halt absurde Vorstellungen«, sondern dass du das in dir wirklich erkennen kannst … und zwar vollkommen ohne Verurteilung. Je länger und intensiver du das machst, desto mehr erkennst du deine Eltern in dir und desto einfacher fällt es dir, es nicht zu tun, nichts mehr zu erwarten und das Wunder des Lebens, das Kinder genauso sind wie Erwachsene, einfach geschehen zu lassen, statt die ganze Zeit aufgrund deiner absurden Vorstellungen eingreifen zu wollen.