Spiritualität ist für die meisten einfach nur ein neues Bewertungssystem. Erst teilt der Verstand die Welt in gut und böse ein und dann teilt er sie in spirituell und unspirituell ein. Der Verstand braucht den Kontrast, um sich orientieren zu können, denn auch er selbst arbeitet immer mit dem Kontrast. Und zwischen den Extremen kann er dich hin- und herschicken und dich vollkommen verrückt machen. Nur zwischen diesen Extremen gibt es etwas herauszufinden und da musst du dann mit seiner Hilfe, die keine ist, extrem viel arbeiten. Hättest du stattdessen deine Intuition erschlossen, bräuchtest du im Verstand überhaupt nichts bearbeiten. Er könnte dich auch nicht stressen und deine Entscheidungen würden nicht aufgrund von Gedankenprozessen entstehen, sondern im Moment aus deiner Intuition aufgrund von Anziehung oder Abstoßung. Spiritualität ist kein neues Bewertungssystem und auch kein neues Glaubenssystem. Aber das ist für den Verstand nicht nur schwer zu greifen, sondern überhaupt nicht. Er kann das nicht, du dagegen schon. Du kannst das. Du kannst auch gegen den Verstand gehen. Du kannst deinen Verstand in die Schranken weisen. Du kannst das machen, wo du dich hingezogen fühlst. Du kannst deinen Verstand ignorieren und du kannst Spiritualität in der Praxis leben. Der spirituelle Lehrer Adyashanti hat es mal so ausgedrückt: »Warum sind so wenige Menschen wirklich frei? Weil sie versuchen, sich an Ideen, Konzepte und Überzeugungen in ihrem Kopf anzupassen. Der Weg der Befreiung ist kein Glaubenssystem. Es ist etwas, das in der Praxis umgesetzt werden muss.« Diese Praxis ist nicht der nächste Ayahuasca- oder LSD-Trip. Diese Praxis ist auch nicht deine morgendliche Meditation. Diese Praxis kannst du nur in jedem Moment leben. Und für die meisten Menschen ist das unmöglich, weil sie nicht unterscheiden können zwischen Überzeugungen, Konzepten, Ideen, Glaubens- und Bewertungssystemen, ihrer Angst, dem Verstand, der Programmierung und ihren Körperempfindungen. Das in der Praxis zu leben, macht deinen Verstand fix und alle. Und die meisten Menschen verlieren gegen ihren Verstand, weil die Programmierung, weil das Trauma so tief sitzt, dass man denkt, man könnte es nicht schaffen. Und das stimmt erst einmal auch. Der erste Schritt, den du gehst, ist selten der erfolgreichste. Aber du musst mit dem ersten Schritt beginnen, denn sonst gehst du nie. Du darfst Spiritualität nicht an deinen Verstand abgeben. Du musst sie leben. Und wenn dein Verstand jetzt sagt: »Ah, ich muss gar nichts!«, dann könntest du ihn jetzt erwischen. Ich meine es, wie ich es sage: Du musst es leben. Alles andere ist nur ein neues Bewertungssystem und ein neues Bewertungssystem hilft dir bei gar nichts. Denn dein altes Bewertungssystem hat dir auch schon nicht geholfen. Es bringt auch nichts, wenn du versuchst, anderen deine Spiritualität zu erklären oder ihnen deine Welt näherzubringen. Die einzige Möglichkeit, die du hast, ist es zu leben. Und zwar unabhängig davon, ob du damit anderen als Vorbild dienst oder nicht. Dieses Leben deiner Spiritualität hat mit den anderen absolut nichts zu tun. Auch diese Idee, dass du damit dann andere Menschen beeinflusst, glücklich machst, sie auf den richtigen Weg bringst, ist absurd und auch nur ein neues Glaubenssystem, eine neue Hoffnung und eine Baustelle an der vollkommen falschen Stelle. Du bist deine eigene Baustelle und auch die einzige Baustelle, die für dich relevant ist. Es gibt keine andere.