Wir definieren Geduld ausgehend von unserem Stress. Ohne Stress gibt es keine Geduld. Oder kürzer gesagt: Ohne Stress fällt dein Bedarf an Geduld weg. Es gibt also keine geduldigen Menschen. Es gibt nur Menschen, die dann, wenn du Stress hast, keinen Stress haben. Du bezeichnest das dann als geduldig, weil du in diesem Moment geduldig sein müsstest, was du aber gar nicht kannst, denn du bist gestresst. Geduld ist also eine Gegenbewegung zum Stress, die überflüssig wird, sobald du keinen Stress mehr hast. Und so stellen wir uns alles falsch vor. Wir sind negativ oder wir empfinden etwas negativ und deshalb wünschen wir uns etwas Positives als Gegengewicht. Wir erhoffen uns dadurch den Wegfall des Negativen. Was wir damit aber tatsächlich machen, ist, dass wir das Negative durch den positiven Gegenpol zementieren. So bleiben wir in der Dualität, die aber eingebildet ist und die tatsächlich unsere Negativität ist beziehungsweise die negative Beurteilung eines Ereignisses, eines Gefühls, einer Situation. Würden wir Stress nicht negativ erleben und nicht negativ beurteilen, bräuchten wir das Gegenteil nicht. Könnten wir damit entspannen, dass wir ungeduldig sind, würden wir uns keine Geduld wünschen. Hätten wir kein Problem mit unserem gefühlten Mangel, würden wir uns keine Fülle wünschen. Kämen wir mit unserer Armut zurecht, bräuchten wir keinen Reichtum. Falls das philosophisch für dich klingt oder unerreichbar, kann ich dir versichern, dass das deine gelebte Erfahrung sein kann. Und das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich kann dir auch sagen, dass das überhaupt nicht spektakulär ist, sondern sehr, sehr einfach. Das heißt auch nicht zwangsläufig, dass du dann nie wieder gestresst bist oder nie wieder ein sogenanntes negatives Gefühl hast, sondern das bedeutet, dass du dir dessen bewusst bist. Dass du es vor allem bewusst erlebst und dass du damit okay bist, dass du jetzt gestresst bist und zum Beispiel keine Geduld hast. Und sobald der Stress wieder wegfällt, werden andere Menschen zu dir sagen, dass du wieder so geduldig bist, obwohl du diesen Zustand gar nicht fühlst. Und du denkst auch nicht so über dich. Du denkst nicht: »Oh, heute bin ich so geduldig! Ich bin die Geduld in Person!« Diese Gedanken sind ja überflüssig. Denn es ist kein Stress da und jenseits von Stress und Negativität brauchst du nicht positiv denken, denn die Negativität ist ja weg. Es gibt nichts mehr, was du danach noch erreichen musst. Ohne Stress und ohne Druck gibt es keinen Bedarf für Geduld.