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    22.7.2022AQ 1701
    »Es gibt keine einfachen Kinder, weil es kompliziert ist, groß zu werden.«
    0:0010:49
    Es gibt keine einfachen Kinder, weil es kompliziert ist, groß zu werden. Kompliziert ist es nur deshalb, weil Eltern versuchen, ihre Kinder in ihre komplizierte Welt zu integrieren. Und das ist keine komplizierte Welt, sondern eine komplizierte Programmierung. Eltern versuchen, ihre eigene Programmierung an ihre Kinder weiterzugeben und das macht es schwierig für beide Seiten. Aber vor allem natürlich für die Kinder und deshalb erscheint es den Kindern so, als wäre es kompliziert, groß zu werden. Groß zu werden ist natürlich tatsächlich überhaupt nicht kompliziert. Es wäre und es ist das Einfachste und auch Natürlichste der Welt. Und zwar ganz genauso, wie du dich auch nicht daran erinnern kannst, dass es kompliziert gewesen wäre, laufen und sprechen zu lernen. Das hast du beides gelernt, ohne dass es dir auch nur im Geringsten kompliziert erschien. Das hat einfach damit zu tun, dass du das in einem Alter gelernt hast, in dem die Programmierungswünsche deiner Eltern noch nicht vollkommen ausgeprägt waren. Laufen und Sprechen durftest und konntest du noch mit Begeisterung lernen und weitgehend ohne Einmischung deiner Eltern. Im Gegenteil, sie haben dich eher noch motiviert. Sie haben dir geholfen, dich unterstützt. Du durftest vor allem aber auch Fehler machen. Diese Fehler wurden nicht bestraft. Du wurdest dafür nicht geschimpft, dass du nicht gleich sofort laufen konntest. Und deinen Eltern war auch klar, dass es eine Zeit brauchen wird, bis du ordentlich sprechen kannst, wenn man das so nennen will. Aber dann wurden die programmierten Ideen deiner Eltern und deines Umfeldes und später auch der Lehrer immer stärker und stärker. Sie hatten genaue Vorstellungen, in welcher Reihenfolge du etwas lernen sollst und sogar in welcher Geschwindigkeit. Das heißt, für dich wurde Lernen immer unangenehmer. Und vielleicht kannst du sogar einen Zeitpunkt in deinem Leben finden, zumindest den Zeitpunkt, an dem es dir das erste Mal aufgefallen ist, dass Lernen keine so angenehme Sache ist und vor allem, dass es keine so einfache Sache ist, wie es früher für dich einmal war. Deine Eltern und andere haben es für dich kompliziert gemacht. Das kam nicht von dir. Sie wollten dich auf eine bestimmte Weise lernen sehen und sie haben bestimmte Fortschritte von dir verlangt. Und das macht Lernen und Großwerden extrem kompliziert. Denn es bringt dich in die unangenehme Situation, dass du ein eigenes Lerntempo hast und vor allem eigene Interessen und deine Eltern ganz andere. Und bei einem Machtkampf gewinnen aber natürlich deine Eltern. Also versuchst du dich anzupassen und je nachdem, mit welchem Charakter du hierhergekommen bist, fällt dir das leichter oder auch schwerer. Es ist aber immer eine Anpassung. Es ist nichts Natürliches. Selbst dann nicht, wenn du dich gut anpasst und wenn du es gut verkraftest scheinbar. Es bleibt eine Anpassung an das Tempo und die Vorstellungen der anderen. Den wenigsten fällt das auf und sie geben es einfach so, wie sie es gelernt haben, an ihre Kinder weiter. Sie denken und behaupten dann auch, es hätte ihnen auch nicht geschadet, was sie gar nicht beurteilen können, weil sie sich selbst noch gar nicht genau genug untersucht haben. Tatsächlich könnten sie es natürlich wissen, denn sie alle haben ja Probleme, natürlich unterschiedliche und mehr oder weniger große. Aber es gibt kaum jemanden, der keine hat. Und die Frage ist ja nur: Wie erklärt man die sich? Die meisten Menschen denken, weil sie resigniert haben: »Ja mei, das ist halt so!« Und das ist der sichere Weg in die Depression, selbst dann, wenn man das nie so nennt und auch nicht diagnostiziert bekommt. Wir tun uns seltsamerweise extrem schwer, die Punkte in unserem Leben zu verbinden, um klarer sehen zu können. Lieber sehen wir nichts, dann müssten wir auch nicht herausfinden, dass etwas schiefgelaufen ist. Und dann müssen wir auch nicht erkennen, dass es anders gehen könnte. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir bei Problemen denken, es hätte etwas mit uns zu tun. Wir würden etwas falsch machen. Wir sind kompliziert. Und immer dann, wenn wir einen Fehler machen, der uns irgendwann auffällt, dann wollen wir den nicht zugeben. Da bekommen wir einen sogenannten inneren Konflikt. Eigentlich wissen wir, dass wir etwas falsch gemacht haben, aber wir wollen es nicht zugeben. Noch nicht einmal vor uns selbst. Das nennt man dann kognitive Dissonanz. Und weil wir dazu neigen, den Fehler bei uns zu suchen, haben wir die kognitive Dissonanz auch in diesem Bereich und denken, es sei bei uns nichts schiefgelaufen. Und dann kommt meistens sogar noch das Stockholmsyndrom dazu, wo wir mit den Tätern sympathisieren und uns mit unseren Eltern verbünden und anderen Erwachsenen und den Lehrern unserer Kinder. Und wir sprechen mit ihnen über unsere Kinder, als wären es gar nicht unsere Kinder, sondern als wäre es ein kompliziertes Problem, das man lösen müsste. Man könnte also auch sagen: »Es gibt keine einfachen Kinder, weil es keine einfachen Eltern gibt.«