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    10.7.2022AQ 1689
    »Es gibt das, was allgemein anerkannt ist.«
    0:008:49
    Es gibt das, was allgemein anerkannt ist. Und dann gibt es das, wie es wirklich ist. Die meisten Menschen haben ein sehr gutes Gespür dafür, was allgemein anerkannt ist, was man sagen darf und damit natürlich auch, was man nicht sagen darf oder nicht sagen sollte. Diese Kenntnis haben wir auch im spirituellen Bereich. Da weißt du sofort, was ist spirituell allgemein anerkannt und was nicht. Oder was ist vielleicht gefährlich zu sagen, was würdest du dich nie trauen zuzugeben, obwohl es so ist. Unser Verstand ist ein trickreicher Geselle. Der merkt sich das nämlich, was allgemein anerkannt ist. Und er merkt es ganz genau und dann verwendet er es, denn damit ist er auf der sicheren Seite. Deshalb gibt es das Phänomen, dass eine bestimmte Lehre, eine bestimmte Art und Form der Spiritualität en vogue ist. Sie ist allgemein anerkannt. Da kann man doch nichts dagegen sagen. Was könnte schon dagegen sprechen, wenn dir jemand sagt: »Du bist Liebe«, oder »Liebe ist die Antwort«? Und so schreiben spirituelle Autoren über Themen, die allgemein anerkannt sind, wo man ihnen nicht widersprechen kann und sie äußern sich nicht zu Themen, die umstritten sind. Das bedeutet, dieses Wissen über die allgemeine Anerkennung sorgt dafür, dass auch nur darüber öffentlich gesprochen wird. Über allgemein Anerkanntes zu sprechen ist vollkommen risikofrei und das gilt für Lehrer genauso wie für dich. Und wir alle gehen nicht gerne ein Risiko ein. Als ich das bemerkt habe, habe ich angefangen, Risiken einzugehen. Auch in meinen Retreats. Das Ergebnis war bisher, soweit ich mich erinnere, nie, dass es schiefgegangen ist, sondern immer, dass es hilfreich war. Jedes Risiko wurde belohnt. Und das ist paradox, denn wohler fühle ich mich immer noch mit den allgemein anerkannten Aussagen. Da mache ich es mir einfach. Da mache ich es auch dir einfach. Aber mit dem, was Widerstand erzeugt oder Widerspruch hervorruft, mache ich es schwer. Scheinbar. Aber eben nur aus der Sicht des Verstandes, der ganz genau einsortieren kann, was richtig und falsch ist. Echte Freiheit erlebst du dann, wenn selbst dein Lehrer gegen Konventionen verstößt. Wenn er sich nicht an das hält, was dein Verstand erwartet. Wenn er einfach macht, was er will. Wie dreist! Dann kannst du deinen Verstand entlarven. Wenn du jemanden triffst, der immer nur das sagt, womit du einverstanden bist, der dich nie herausfordert, dann mag das vielleicht bequem sein. Aber es kann auch sein, dass es gar nicht hilfreich ist, weil du dich einfach nur an etwas gewöhnst — auch wenn es etwas schönes Spirituelles ist. Das kann man immer dann schön beobachten, wenn ein Lehrer seine Richtung ändert. Wenn sich ein Lehrer verändert, dann gibt es immer einige Schüler, die das gar nicht gut finden. Da hat sich der Verstand einfach daran gewöhnt an das, was allgemein anerkannt ist. Er hat sich eine hübsche, bequeme spirituelle Ecke geschaffen, in der er sein darf, in der er nicht irritiert wird von keinen neuen Aussagen. Wo er im spirituellen Schlaraffenland sitzt, wo man keiner Aussage widersprechen kann, weil sie alle allgemein anerkannt sind. Vom Verstand. Wir hätten das so gerne. Menschen und auch Lehrer, die sich nie widersprechen, obwohl wir uns ständig widersprechen. Wir wünschen uns Stabilität. Stabilität auch in den spirituellen Aussagen, denn nur dann können wir sie wiederholen. Und wenn wir sie wiederholen können, bekommen wir das Gefühl, dass wir etwas verstanden haben, dass wir etwas gelernt haben. Die Wiederholung von spirituellen Aussagen ist aber keine Spiritualität. Spirituell ist es, wenn du vergisst, was allgemein anerkannt ist und wenn du aus diesem Moment heraus lebst. Wenn du das, was in diesem Moment spontan entsteht, nicht mehr rechtfertigen musst und dir auch überhaupt keine Rechtfertigung mehr einfällt. Dann bist du weit entfernt von allgemein anerkannt.