Der Praktiker braucht keine Argumente mehr. Alle Argumente sind aus der Theorie. Der Praktiker will niemanden mehr überzeugen, weil er es selbst erlebt hat oder gerade selbst erlebt. Im Verhältnis zu dem, was du selbst erleben kannst, ist jede Erklärung, jede Theorie einfach nur blass. Sie hat keinen Wert. Nur unser Verstand erzählt uns, dass Argumente wichtig seien. Da geht er aber schon einmal als Erstes von einer vollkommen falschen Annahme aus, nämlich dass du dich begründen müsstest. Musst du gar nicht! Menschen können dich fragen, aber es kann sein, dass du keine Antwort hast. Das Einzige, was du dann aushalten musst unter Umständen, ist, wenn die, die dich fragen, unzufrieden werden. Aber daran siehst du, wie viel Druck in den Menschen ist. Sie wollen die Dinge gar nicht erklärt bekommen, um dann eine Selbsterkenntnis daraus zu ziehen. Sie wollen die Dinge nicht erklärt bekommen, um sich anschließend selbst damit zu beschäftigen, eine eigene Erfahrung zu machen und Veränderung selbst zu erfahren. Meistens fragen sie gar nicht aus Neugierde. Meistens fragen sie gar nicht aus echtem Interesse. Sie fragen, weil sie skeptisch sind, weil sie dir nicht glauben, weil sie deinen Weg nicht akzeptieren. Und sie verpacken das ganz hübsch in interessierte Nachfragen. Auf diesen Trick darfst du nicht hereinfallen und ein echter Praktiker fällt auf diesen Trick auch nicht herein. Denn der ist viel zu sehr damit beschäftigt. Ja, mit dem, was er eben macht. Der kann sich nicht auf die theoretischen Fragen konzentrieren und schon gar nicht darauf beschränken. Er muss es selbst erleben. Wir sind es so sehr gewöhnt, uns durch die Theorie von der Praxis ablenken zu lassen, dass die meisten Menschen ganz vergessen haben, dass die Theorie, wenn überhaupt, maximal die Vorbereitung auf die Praxis ist. Du kannst diese vollkommene Fehlleitung in unserem Schulsystem und auch im Ausbildungssystem sehen. Du gehst neun bis zwölf Jahre zur Schule nur für die Theorie. Keine oder kaum Praxis. Und wenn Praxis, dann so bescheuert, dass man sich eigentlich fragt, was mit den Lehrern los ist oder mit den Eltern. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Sportunterricht. Der war schon praktisch. Aber da hieß es halt: »Hier ist so ein komisches Sprungbrett mit irgendeiner Feder. Da ist ein Bock. Nimm Anlauf und spring drüber!« Keine Vorbereitung, keine Ausbildung, kein vorheriges Krafttraining, kein Stretching, nichts. Und dann kriegst du aber eine Note darauf. Du konntest es ja gar nicht lernen, war ja gar nicht möglich. Es gab weder theoretische noch praktische Anleitung. Und in allen anderen Bereichen war es nur Theorie und gar keine Anwendung für gar nichts. Das heißt, unser Schul- und Ausbildungssystem zieht uns komplett in den Kopf. Nur dafür ist es da und dort hält es uns gefangen. Die Theorie hält uns gefangen. Jede Praxis befreit uns. Selbst dann, wenn es am Anfang nicht so aussieht. Und natürlich machst du Fehler und kannst es noch nicht so gut. Und das macht überhaupt nichts. Denn der größte Spaß — und das weiß ich aus eigener Erfahrung — liegt darin, wenn du am Anfang besser wirst. Denn am Anfang ist enormes Potenzial. Die Verbesserungen, die Leistungssteigerung zum Beispiel im Sport, aber auch bei allem anderen, die du am Anfang erleben kannst, wirst du anschließend sehr wahrscheinlich nie wieder erleben. Denn vom Anfänger zum Fortgeschrittenen sind immense Sprünge. Vom Fortgeschrittenen zum Experten und vom Experten zum Profi sind die Sprünge nicht mehr ganz so groß oder sogar nur noch marginal und fast schon vernachlässigbar. Jedem Anfang liegt nicht nur ein Zauber inne, sondern auch der größte Spaß, das größte Potential. Und die schlechteste Praxis ist besser als die beste Theorie.