Kinder kennen keine Freiheit, weil sie frei sind. Alles, was du bist, kennst du nicht. Du kannst also nur kennen, was du nicht bist. Und all das, was du nicht bist, lernst du als Kind kennen. Allerdings nicht als Kontrast zu dem, was du bist. Denn das, was du bist, kennst du nicht. Du kannst es gar nicht wahrnehmen. Du merkst nur, wenn das Gegenteil eintritt. Denn das, was du bist, ist so natürlich und so leicht, dass es gleichzeitig unbemerkt ist und bleibt, wenn du nicht das Gegenteil kennenlernst. Und so wirst du programmiert durch das Gegenteil. Dieses Gegenteil kennst du dann und du kennst es so gut, dass es dir normal erscheint. Selbst dann, wenn du es nicht für normal hältst oder wenn du das Gefühl hast: »Irgendetwas ist komisch hier. Irgendwas stimmt nicht.« Und ich habe bisher noch keinen Menschen getroffen, der dieses Gefühl nicht kennt, der nicht irgendwann einmal zu sich selbst gesagt hat: »Irgendwas stimmt hier nicht.« Und obwohl uns das klar ist oder im Lauf der Zeit klar wird, können wir nichts daran ändern, weil die Programmierung so tief und so fest in uns verankert ist. Etwas, das dich über Jahre geprägt hat, kannst du nicht in fünf Minuten loswerden und es geht noch nicht einmal darum, es loszuwerden. Es beginnt mit der Erkenntnis, wie es ist, mit der Erkenntnis, wie es tatsächlich ist, ohne es dir schönzureden, ohne es mit Zynismus zu verdrängen und ohne mit dem Satz »Ja mei, so ist das halt« aufzugeben. Alles beginnt mit einer nüchternen Selbstanalyse beziehungsweise besser gesagt mit der Bereitschaft dazu. Diese Bereitschaft ist der erste Riss in deinem Ego. Denn es geht nicht um die Erklärung, warum du so bist und darum, den anderen, die dir das angetan haben, die Schuld zu geben, sondern es geht um die ehrliche Bestandsaufnahme. Wenn du die zulassen kannst, dann fällt dir auf, wie viel Negativität in dir ist. Und wenn dir das auffällt, dann brauchst du sie nicht mehr künstlich positiv übermalen, sonst ist Positivität auch nur ein weiterer Verdrängungsmechanismus, den wir auch sehr unbewusst einsetzen und der überhaupt keinen Sinn macht. Denn wenn du negativ geprägt bist, so wie ich, dann hat es keinen Wert zu versuchen, diese Negativität positiv zu überschreiben. Du musst erstmal anerkennen, was tatsächlich ist. Und das kannst du gar nicht sofort erkennen. Das kann Jahre dauern, bis du erkennst, wie es tatsächlich ist in dir. Und dann erinnerst du dich automatisch, woher es kommt. Ein Beispiel aus meinem Leben ist, dass ich erst in den letzten Monaten oder Jahren so richtig realisiert habe, dass ich die uralte philosophische Frage, ob der Mensch von Grund auf gut oder böse ist, so beantwortet habe, dass ich davon ausgegangen bin, dass er dazu neigt, böse zu sein. Es war für mich klar, Menschen sind irgendwie böse erstmal. Und dann muss ich schauen, ob einer von denen mich vielleicht mag und mein Freund wird zum Beispiel oder mit mir Geschäfte macht, mich gut findet, zu mir hält und so weiter. Das war und ist aber vollkommen unbewusst in mir abgespeichert. Und natürlich kommt das nicht von mir. Auf diese Idee bin ich durch Interpretation gekommen, durch Interpretation meines Umfeldes, durch Interpretation dessen, was mir mein Umfeld gezeigt und erklärt hat. Die Erklärungen spielen aber gar nicht die größte Rolle dabei, sondern was ich als Kind fühle, sind die Schwingungen hinter den Worten und natürlich auch die Schwingungen hinter den Taten und sogar die Schwingung vollkommen ohne Worte. Eltern denken, sie könnten vor ihren Kindern etwas verstecken oder verheimlichen und das stimmt und das stimmt nicht. Sie können einen Fakt verheimlichen. Das ist möglich. Aber das, was sie dabei fühlen, was sie ausstrahlen, das können sie nicht verheimlichen. Diese Energie ist im Raum und es lässt sich nicht vermeiden, dass das Kind das mitbekommt. Subtil, aber immerhin. Und so lernen Kinder durch ihre Eltern ganz automatisch das Gegenteil von Freiheit, die sie sind, kennen. Und das lässt sich auch gar nicht vermeiden, weil die Eltern selbst nicht frei sind. Es geht, wie gesagt, nicht um die Suche nach einem Schuldigen, sondern nur um Selbsterkenntnis.