Der Verstand hat die Eigenschaft sein Vergrößerungsglas auf Dinge zu legen, die dir nicht gut tun. Dieses Vergrößerungsglas ist deine Aufmerksamkeit, dein Fokus. Und Fokus meine ich nicht im Sinn von Fokussieren oder im Sinn von vollkommener Konzentration auf eine Sache, sondern einfach im Sinn von Ausrichtung. Worauf richtest du deine Aufmerksamkeit? Und jenseits dieses Vergrößerungsglases, deiner Aufmerksamkeit, wirkt alles andere klein. Seltsamerweise hat der Verstand die Eigenschaft, seine Aufmerksamkeit beziehungsweise deine Aufmerksamkeit auf sogenannte negative Dinge zu legen. Dinge, die dir nicht gefallen. Menschen, Situationen, Umstände, die du ablehnst oder kritisch siehst. Wenn du etwas kritisch siehst, ist es immer noch die beste Möglichkeit, deine Aufmerksamkeit davon abzuziehen. Wir denken, ich würde fast sagen, traditionellerweise, wir müssten dem Negativen oder dem Kritischen unsere Aufmerksamkeit geben, indem wir es kritisieren. Und dadurch hoffen wir irgendwie, magischerweise würden wir es verbessern. Doch durch Kritik ist noch nie etwas besser geworden, maximal aus den durch die Kritik folgenden Maßnahmen. Und wir denken immer: »Ja, aber die Kritik hat ja dafür gesorgt, dass sich etwas geändert hat. Sie mussten dann aufgrund der Kritik alles anders machen.« Und das mag stimmen. Manche Unternehmen oder auch Regierungen, die machen das so. Es gibt dabei nur ein Problem. Wäre die Kritik nicht gekommen, hätten sie es nicht geändert. Das bedeutet, dass nur die Kritik dafür sorgt, dass sie es ändern oder nicht machen. Und das bedeutet, sie wollen in Wahrheit etwas anderes als die Kritiker. Es hat sich also tatsächlich gar nichts geändert. Ich habe dazu auch ein aktuelles Beispiel aus der Praxis. Die Plattform Crypto.com mit C geschrieben, die ich auch eine Zeitlang beworben habe, die hat über Nacht einfach ihre Verträge geändert. Das heißt, die Nutzer haben mit dieser Plattform einen Vertrag gemacht. Zu bestimmten Konditionen, bestimmter Höhe an Prozenten haben sie dieser Plattform einen Teil ihres Geldes gegeben. Und während dieser Vertrag lief, in der Zeit, in der das Geld gebunden war, hat Crypto.com sich entschieden, diesen Vertrag einseitig zu verändern. Natürlich kann man sagen: »So was ist ein No-Go!« Und entsprechend laut war der Protest und natürlich gab es einen so großen Shitstorm, dass Crypto.com einen Rückzieher gemacht hat. Und jetzt kann man sagen oder könnte man meinen: »Dann hat der Protest ja was bewirkt! Super! Wir haben uns unser Recht erkämpft!« Und während das einerseits erfolgreich sein mag, habe ich einen vollkommen anderen Rückschluss daraus gezogen. Es ist mir vollkommen egal, ob die einen Rückzieher von ihrer einseitigen Vertragsänderung machen oder nicht. Für mich sind es keine verlässlichen Partner ganz einfach, auch wenn die natürlich nie echte Partner sind für mich, sondern halt einfach nur eine App, eine Anwendung, ein Tool, ein Werkzeug, das ich benutzen kann. Und trotzdem habe ich den Teil des Vertrages, der auch schon ausgelaufen war, anders wäre es gar nicht gegangen, von meiner Seite gekündigt. Ich habe die App zwar nicht gelöscht, ich habe in bestimmten Bereichen durchaus sinnvolle Verwendung dafür, aber ich vertraue ihnen nicht mehr. Ich gehe keine Verträge mehr ein, die mich an sie binden. Und das können die auch gar nicht mehr gutmachen bei mir. Also ich wollte auch gar nicht protestieren, das wäre mir auch egal gewesen. Das ist für viele Menschen unverständlich, aber es geht mir ja um meine Entspannung. Das heißt, ich kann mich tierisch drüber aufregen und das versuche ich tatsächlich zu vermeiden. Beziehungsweise es regt mich einfach nicht mehr auf. Und ich sehe es aber auch nicht als Erfolg, dass sie sich jetzt besonnen haben, denn das war ja nur aufgrund von Druck. Und jemand, der nur aufgrund von Druck zur Besinnung kommt, der ist nicht besonnen, sondern der würde gerne seine Kunden über den Tisch ziehen und macht es nur deshalb nicht, weil die öffentliche Reaktion zu intensiv ist. Für mich ist das ein perfektes und typisches Beispiel für die Illusion einer Lösung durch Kritik. Es gibt zwar eine unmittelbare Lösung des Konfliktes, die entsteht aber nur aufgrund von Druck und nicht aufgrund von echter Einsicht beziehungsweise aufgrund von vornherein bereits bestehendem Charakter, sondern die entsteht nur aufgrund des Shitstorms, der Beschwerde der Menschen. Und sie denken, sie hätten dadurch etwas erreicht. Das ist nicht der Fall. Wir erreichen dadurch nichts. Selbst wenn wir temporär vielleicht kleine Erfolge verbuchen können, denn der Aufwand an Energie ist sehr groß, den diese Kritik braucht. Und wenn Menschen oder auch Unternehmen nur aufgrund von Kritik reagieren, dann ist das nichts Echtes, nichts Beständiges, wenn die nur aufgrund von Druck ihrer Nutzer, ihrer Kunden Entscheidungen treffen oder Entscheidungen wieder rückgängig machen. Es ist noch nicht mal etwas Negatives, sondern durchweg positiv. Denn wenn dir das nicht gefällt, was jemand macht, dann kannst du deine Aufmerksamkeit einfach davon abziehen. Und das ist vollkommen okay. Wir haben es nur anders gelernt, was kein echtes Lernen war, sondern auch das haben wir unter Druck erfahren. Wir können die Vergangenheit, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne das Vergrößerungsglas unseres Verstandes darauf auszurichten, einfach hinter uns lassen. Jetzt habe ich gerade gedacht, ich bin schon fertig. Und dann kam noch der Hammer! Denn mir wurde plötzlich klar, dass es sein könnte, dass du mich nicht verstehst. Denn die meisten Menschen interpretieren die Worte folgendermaßen: Sie meinen, dass man mit der Vergangenheit abschließen muss und alle Umstände und auch alle Menschen hinter sich lassen muss. Das ist eine Möglichkeit, aber es ist nur die kleinste Möglichkeit. Die noch größere ist es, mit der Vergangenheit abzuschließen und auch alles sein zu lassen. Das heißt, das Beispiel mit Crypto.com war jetzt die kleinste Möglichkeit. Ich habe es für mich weitgehend abgeschlossen. Aber wie gesagt, ich benutze es noch. Nicht mehr in dem Umfang wie bisher, aber immerhin. Und genauso ist es auch mit Menschen. Man kann sich streiten, man kann der Meinung sein, der andere hat einen Fehler gemacht. Und man kann das einfach vergessen. Vergessen im Sinn von: Du richtest deine Aufmerksamkeit nicht mehr darauf. Nicht im Sinn von: Du tust so, als wäre es nie passiert. Denn wenn es dir einfällt, dass es passiert ist, brauchst du dich nicht selbst verleugnen oder verarschen. Du weißt ja, dass es passiert ist. Und dann kann es auch sein, dass der Verstand mal wieder für ein paar Minuten seine Aufmerksamkeit darauf lenkt. Und dann kannst du dir aber wieder in Erinnerung rufen, dass du der Chef bist und dass du entscheidest, worauf du deine Aufmerksamkeit legst. Und es kann sein, dass dir das am Anfang noch schwerfällt, vor allem wenn das die gleichen Menschen sind, die am Vortag oder eine Woche oder einen Monat vorher für dich noch problematisch waren, mit denen du Streit hattest oder die du kritisiert hast oder die dich kritisiert haben. Aber es gibt die Möglichkeit zu vergessen, nicht verdrängen und nicht ignorieren, sondern einfach nur zu vergessen und jeden Moment neu zu erleben. Denn auch die Erinnerung und vor allem die negative Erinnerung ist eine Art Vergrößerungsglas. Erst wenn die Erinnerung wegfällt, bist du mit diesem Vergrößerungsglas, mit der Aufmerksamkeit hier und lebst in diesem Moment und nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft.