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    21.5.2022AQ 1639
    »Es ist einfach, diejenigen zu belächeln, die einen anderen Weg gehen.«
    0:007:49
    Es ist einfach, diejenigen zu belächeln, die einen anderen Weg gehen. Es ist aber auch überheblich und zynisch, wenn man sich währenddessen selbst nichts traut. Die Kommentatoren des Lebens der anderen sind meistens unfähige Zyniker. Und wir alle sind Kommentatoren des Lebens der anderen. Genau genommen ist das unser Gefängnis, in dem wir sitzen. Wir kommentieren das Leben der anderen, während wir uns selbst nicht trauen. Wenn man andere belächelt, bekommt man zunächst kurzfristig das Gefühl, man hätte es besser gemacht oder man wüsste es besser. Dabei verdrängen wir, dass wir gar nichts oder nur sehr wenig gemacht haben, dass wir viel zu wenig ausprobiert haben, dass wir viel zu früh aufgegeben haben, dass wir uns ganz selten getraut haben. Das ist kein Vorwurf, aber wenn wir das realisieren würden, würden wir zunächst eine Menge Schmerz fühlen. Und um diesen Schmerz zu verdrängen, schauen wir auf andere herab. Überheblichkeit entspringt immer der Unfähigkeit, seinen eigenen Schmerz zu fühlen. Wir versuchen uns über unseren eigenen Schmerz zu erheben, indem wir uns über andere erheben. Das ist ein trickreicher Mechanismus, denn er funktioniert. Zumindest halbwegs. Was aber bleibt, ist die Unzufriedenheit. Die geht einfach nicht weg. Wir haben einfach Schmerz in Unzufriedenheit verwandelt. Und der Katalysator dafür ist unsere Arroganz, ein hohes Ross, auf dem wir sitzen. Und ein hohes Ross, das wir auch nur solange reiten können, bis wir selbst betroffen sind, bis wir ähnliche Umstände erleben wie derjenige, über den wir uns versuchen zu erheben. Eine Menge Menschen verwechseln auch Zynismus mit Lebenserfahrung. Tatsächlich sind sie verbittert und haben aufgegeben. Um sich das aber nicht anmerken zu lassen, machen sie Witze über sich, andere, die Welt. Sarkastische und zynische Witze. Ich habe nichts gegen Sarkasmus und Zynismus, sogar eine Form des Humors, die mir sehr nahe ist. Aber ich muss aufpassen, mit welcher Energie und in welcher Schwingung ich sie verwende. Da gibt es einen Unterschied, den kann ich fühlen. Und wenn ich gerade enttäuscht oder unzufrieden bin, dann verwende ich diese beiden Formen lieber nicht oder nur sehr kurz, denn Zynismus ist keine Lebenserfahrung. Zynismus entsteht aus zu viel Erfahrung vom Gleichen, zu viel Enttäuschung. Echte Lebenserfahrung ist, wenn du viele verschiedene Erfahrungen gesammelt hast. Wenn du sowohl enttäuscht als auch zufrieden warst und wenn du immer wieder Neues auf eine neue Art und Weise ausprobiert hast. Wenn du es immer wieder anders versucht hast, nie gleich und nie so wie die anderen. Dann hast du was zu erzählen. Die Zyniker sprechen immer wieder nur von der gleichen Enttäuschung und das erweckt für sie den Anschein, als könnten sie sich mit ihrem Zynismus über andere erheben. Tatsächlich graben sie sich damit ein.