Echte Macht macht Machtspiele vollkommen überflüssig. Die meisten Menschen haben eine negative Assoziation mit dem Begriff der Macht. Das hat damit zu tun, dass sie echte Macht nie kennengelernt haben. Stattdessen haben sie Ohnmacht kennengelernt, die andere und dadurch auch sie selbst als Macht fehlinterpretiert haben. Ganz ehrlich und radikal betrachtet sind die meisten Kinder die Gefangenen ihrer Eltern. Deshalb scheinen die Eltern Macht zu haben und Macht auszuüben. Sie verhalten sich aber gar nicht wie jemand, der mächtig ist, sondern sie verhalten sich wie jemand, der ohnmächtig ist, weil sie ohnmächtig sind. Sie haben als Kinder die gleiche Ohnmacht erlebt, die sie jetzt an ihre Kinder weitergeben. Ein wahrhaftig mächtiger Mensch hat Kontrolle über seine Programme, über seinen Verstand und damit über sein Ego. Das bedeutet gleichzeitig, dass er seine Programme, seine Ohnmacht in diesem Fall nicht versucht, an seine Kinder weiterzugeben, weil er die Ohnmacht in sich erkannt hat. Er hat die Ohnmacht in sich als falsches Programm erkannt. Nur derjenige, der seine Ohnmacht weder erkannt hat noch als falsches Programm erkannt hat, versucht seine Ohnmacht durch die Ausübung von Macht weiterzugeben. Ein mächtiger Mensch übt keine Macht aus. Je mehr Regeln und Verbote und Gesetze wir uns wünschen, desto ohnmächtiger fühlen wir uns. Du kannst also das Ausmaß unserer Ohnmacht ganz einfach ablesen an der Anzahl der Gesetze, Verordnungen, Bestimmungen, Regeln, erwarteten Verhaltensweisen. Und du kannst dadurch auch den Grad deiner eigenen Ohnmacht sehr gut überprüfen. Ein ohnmächtiges Ego sagt an dieser Stelle passenderweise oder unpassenderweise: »Ja, aber Stefan, wir brauchen doch Regeln und ganz ohne Regeln geht es doch nicht!« Das Verrückte daran ist, das sagt ein ohnmächtiges Ego, weil es in seinem ganzen Leben noch nie etwas anderes kennengelernt hat. Und durch diesen Mangel an Erfahrung versucht es, jeden Versuch zu unterdrücken, der eine neue Erfahrung sein könnte. Es will gar keine andere Erfahrung machen, denn dann müsste es ja seine Meinung ändern. Du müsstest dein Ego ändern. Und das geht nicht, denn wenn du dein Ego ändern kannst, musst du zwangsläufig erkennen, dass du dein Ego nicht sein kannst. Und damit ist es überflüssig. Also hält unser Ego lieber das aufrecht, was es schon kennt und was in unserem Leben noch nie anders war. Nur deshalb halten wir fest. Nicht weil es nicht anders geht, sondern weil unser Verstand sagt: »Wir können es uns anders nicht vorstellen.« Und so werden ohnmächtige Menschen immer noch als mächtig angesehen, nur weil wir unsere Ohnmacht nicht in Frage stellen wollen und weil wir Ohnmacht mit Macht verwechseln und weil wir wahrhaftige Macht nicht einmal ausprobieren wollen. Wir wollen unser ohnmächtiges Ego nicht in Frage stellen. Und so lernen auch unsere Kinder wieder keine mächtigen, sondern ohnmächtige Eltern kennen, die sie als Vorbild für ihr Leben nehmen. Die sie fälschlicherweise als Vorbild für Macht nehmen.