Es braucht keine Staatsreligion. Der Staat ist die Religion. Unsere Obrigkeitshörigkeit und Staatsgläubigkeit sind religiöser als die meisten Religionen. Der Staat beziehungsweise die Idee der Notwendigkeit eines Staates ist eines unserer größten Programme. Es fängt schon so an, dass sich die meisten Menschen gar nicht trauen, darüber zu sprechen. Beziehungsweise eine derartige Idee, dass es sein könnte, dass der Staat zumindest überflüssig ist, sich überhaupt nicht trauen zu denken. Sie empfinden so etwas als antistaatlich und deshalb als schlecht. Was ihnen dadurch verborgen bleibt, ist immens. Denn damit sie glauben, es bräuchte einen Staat, müssen sie auch glauben, dass sie unfähig sind. Der Glaube an den Staat ist der Glaube an die eigene Unfähigkeit. Würden wir nicht davon ausgehen, dass wir unfähig sind, kämen wir überhaupt nicht auf die Idee, dass es etwas, eine Institution oder mehrere, bräuchte, die uns helfen. Die das für uns organisieren, was tatsächlich wir machen könnten. Und wir könnten das, denn alle produktiven Menschen, alle Menschen, die irgendetwas erschaffen, vollkommen unabhängig davon, was das ist, sind nicht der Staat. Es sind einzelne Menschen. Und diese Menschen können sich untereinander verständigen. Sie bräuchten dazu keinen Dritten, der sich einmischt und ihnen vorschreibt, wie sie das zu tun haben. Um einen Staat zu fordern oder um an einen Staat zu glauben, musst du davon ausgehen, dass der Mensch mindestens unfähig, wenn nicht sogar schlecht sei. Und genau das ist die Programmierung, die dem zugrunde liegt und die sich keiner anschauen will. Denn das tut weh. Wenn einem das klar wird, welches Menschenbild unseren Annahmen zugrunde liegt, Annahmen, die wir selten bis nie überprüft haben, von denen wir aber ausgehen, dass sie zu 100 % richtig sind und unbestreitbar und undiskutierbar. Es gibt in dem Zusammenhang übrigens ein sehr spannendes Missverständnis. Woran denkst du, wenn du an Anarchie denkst? Kann es sein, dass du an Chaos denkst? Ist das möglich? Weißt du, was Anarchie bedeutet? Kennst du die Bedeutung des Namens? Ich wusste sie nicht. Ich habe sie erst vor einigen Monaten erfahren. Es heißt 'frei von Herrschaft'. Es heißt nicht 'ohne Struktur'. Es heißt auch nicht 'ohne Regeln'. Es heißt noch nicht einmal 'ohne Gesetze'. Es heißt: Es gibt keinen Herrscher. Die Menschen regeln alles untereinander, gegenseitig und mit sich selbst vollkommen frei von Obrigkeit. Das bedeutet Anarchie. Es hat überhaupt nichts mit chaotischen, zerstörerischen oder sonstigen destruktiven Zuständen zu tun. Da gibt es auch ein Wort dazu, das durch die spirituelle Szene getrieben wird und das heißt Selbstverantwortung. Wenn die Menschen wüssten, welche Worte sie da in den Mund nehmen und was sie da tatsächlich damit meinen, würde den meisten anders werden. Denn was glaubst du, wie viele Menschen es gibt, die von Selbstverantwortung, Verantwortung, Eigenverantwortung im weltlichen und im spirituellen Sinne sprechen und schreiben, die sich aber im Traum nicht vorstellen können, dass ein Leben ohne Staaten möglich sei? Wir wissen gar nicht, wovon wir sprechen, tun aber so. Und ich weiß es auch nicht, denn ich habe noch nie ohne Staat gelebt in dem Sinn, dass es außerhalb von mir keinen gibt. Das bedeutet, ich kann es mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn alle Menschen äußerlich und innerlich frei von Staaten leben würden. Aber ich habe einen kleinen Einblick insofern, weil ich innerlich frei von Staaten lebe. Und daraus ergibt sich auch selbstverständlicherweise für mich, dass ich nicht glaube, unfähig zu sein. Es gibt bestimmte Dinge, die ich nicht kann, die können dafür andere. Und diejenigen, die das können, kann ich finden. Der Glaube an die eigene Unfähigkeit ist die Grundlage eines jeden Staates.