Deine Augen können nur sehen, was dein Verstand bereits kennt. Oder anders gesagt: Wenn dein Verstand sich einbildet, er kenne bereits, was du siehst, können deine Augen nichts anderes sehen, als er sich einbildet. Sie können nichts Neues sehen. Wir können meistens nicht sehen, was es in Wahrheit ist, weil uns eine Erklärung gegeben wurde, was es ist. Und mit dieser Erklärung oder mit dem Wort wurde uns gleichzeitig erklärt, was wir zu sehen haben. Ich habe heute mehrere Beispiele für dich, auch auf die Gefahr hin, dass du es nur philosophisch verstehst. Es geht tiefer als vergeistigte Philosophie. Für mich war Philosophie früher Theorie, weil ich es nur mit dem Verstand verstanden habe. Ich versuche es dir auf einer anderen Ebene zu erklären. Ein ganz einfaches erstes Beispiel: Wenn du die Sprache lernst, werden dir Worte gegeben. Dir wird gesagt, wie etwas heißt. wie du es benennen musst, damit dich andere verstehen, damit andere wissen, was du meinst. Das ist rein praktisch vollkommen in Ordnung und richtig und dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Das brauchst du nicht rückgängig machen oder du brauchst nicht versuchen, keine Worte mehr zu verwenden. Aber dir wurden gleichzeitig mit diesem Wort auch das Gefühl und die Illusion gegeben, dass du damit das Wesen dessen, was du benennst, erfasst hättest, als wüsstest du jetzt, was es ist. Was es ist, wusstest du aber vorher schon, als du es gesehen hast oder als du es berührt hast. Als du auf dem Stuhl saßest, wusstest du schon, was es ist, bevor man dir gesagt hat: »Das nennt man Stuhl.« Das ist jetzt ein sehr einfaches Beispiel. Aber genauso funktioniert es mit jedem Wort. Wir bekommen gemeinsam mit der Bedeutung, mit dem Wort die Illusion mitgeliefert, wir hätten das Wesen dessen, was wir benannt haben, erkannt. Und das ist nicht der Fall. Das kann gar nicht der Fall sein. Erstens natürlich, weil wir nicht der Stuhl sind. Aber selbst wenn es um die Funktion des Stuhles geht, erfährst du die nicht durch Worte, sondern durch dein Erleben. Du kannst auf einem Stuhl sitzen und dann weißt du, was der Charakter oder der Verwendungszweck eines Stuhles ist, wozu er da ist. Und du weißt auch gleich, was Sitzen ist. Auch ohne dass du dieses Wort kennst. Für ein noch besseres Verständnis habe ich ein zweites Beispiel für dich. Stell dir vor, du bist noch nie Achterbahn gefahren und jemand, der schon einmal Achterbahn gefahren ist, versucht dir zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn du beginnst zu fallen. Vollkommen unabhängig davon, welche Worte er verwendet und wie richtig diese Worte auch sein mögen, wie treffend, wie präzise, er kann es dir nicht erklären. Du wirst ihn nicht verstehen. Es ist für dich unmöglich zu erfahren, wie es sich anfühlt, indem dir jemand etwas erzählt. Die Worte sind immer nur ein Hinweis auf etwas. Sie sind nie das Ding, die Sache, der Umstand selbst. Es ist immer nur eine Krücke. Und erst, wenn du es selbst erlebt hast, weißt du, wie präzise dieses Wort ist und was es bedeutet. Durch das Wort selbst erfährst du nie die Bedeutung. Neues kannst du nicht durch Worte lernen. Neues musst du erfahren. Wir machen konstant den Fehler, dass wir das Wort für das Wesen halten und so tun, als wüssten wir. Mein drittes Beispiel ist gleichzeitig eine Übung. Schau dir einfach einen Sonnenaufgang oder einen Sonnenuntergang an. Schau, was du siehst. Schau genau hin. Und dann finde heraus, was dir dein Kopf dazu erzählt. Das eine hast du wirklich gesehen, das andere entspringt deiner Fantasie, weil es dir andere vorher erzählt haben, was du da siehst. Das Gleiche kannst du machen, wenn du am Meer bist, im Urlaub und du schaust an den Horizont. Es gibt den Teil, den du wirklich siehst, und dann gibt es den Teil, den du dir ausgedacht hast beziehungsweise andere sich ausgedacht haben. Und sie haben dir gesagt, was das ist, was du da siehst und warum das ist und wie das funktioniert. Bei diesem Beispiel, bei dieser Übung ist es nicht wichtig, dass du weißt, wie es wirklich ist, sondern es ist wichtig, dass du das, was du siehst, von dem, was du interpretierst, unterscheiden kannst. Viele Menschen wollen eine solche Untersuchung noch nicht einmal zulassen, die weigern sich schon, so etwas überhaupt auszuprobieren. Wenn du es ausprobierst, achte sehr gut darauf, wer oder was sich da in dir meldet und protestiert oder dich ganz dringend zurückholen will in deine alte Welt. Vielleicht sogar mit Angst, dass es gefährlich sei, weil man da ja verrückt werden könnte. Tatsächlich war es umgekehrt. Vorher warst du verrückt. Diese Übung ist deine Heilung. Durch diese Übung können wir erkennen: Es wurde uns nie gesagt, was es ist, sondern es wurde uns gesagt, was wir zu sehen haben.