Deine Angst zu fühlen ist der Beginn deiner Freiheit. Dein Wunsch nach Angstfreiheit hält dich gefangen und deine Bereitschaft, die Angst zu fühlen, befreit dich. Uns ist meistens gar nicht klar, wie oft wir Angst unterdrücken oder zumindest versuchen zu unterdrücken. Das passiert so subtil beziehungsweise so unterbewusst und unbewusst, dass es den meisten Menschen gar nicht auffällt, sogar im Gegenteil: Viele dieser Menschen wirken sehr souverän und das liegt daran, weil sie sehr souverän wirken wollen. Würden sie die Maske abnehmen, würden sie sich hinter ihre Fassade schauen lassen, würde diese in sich selbst zusammenbrechen. Denn da ist keine Souveränität. Da ist unfassbar viel Angst. Die wird aber überspielt, zum Beispiel mit Zynismus und Sarkasmus oder indem sie so tun, als wäre sie altersweise und als würden sie über den Dingen stehen, weil sie ja wissen, wie die Welt funktioniert, wie die Menschen ticken und weil sie alles oder fast alles erklären können. Der Drang, abgeklärt und souverän rüberkommen zu wollen, hat aber gar nichts mit den anderen zu tun. Es geht vielmehr darum, dass man mit Abgeklärtheit und Souveränität versucht, die eigenen Ängste zu unterdrücken, damit die auf gar keinen Fall hochkommen können. Das ist also ein rein psychologischer Abwehrmechanismus. Ein Abwehrmechanismus, der verhindert, dass wir ehrlich sind. Ehrlich anderen gegenüber, aber vor allem ehrlich uns selbst gegenüber. Die meisten Menschen würden es einfach nicht verkraften oder aushalten, was passieren würde, wenn sie ehrlich wären. Beziehungsweise besser gesagt, sie glauben, es nicht verkraften zu können. Das ist aber natürlich kein echter Glaube, sondern es ist etwas Unbewusstes in ihnen, das verhindert, dass sie ehrlich sind. Und obwohl viele Menschen Authentizität schätzen und auch sogar bewundern, schaffen sie es bei sich selbst nicht. Dieser Mechanismus ist einfach nur die Unterdrückung von Traumata. Das kann man also auch gar nicht als Vorwurf verwenden, denn das ist ein guter und wichtiger Mechanismus. Das Problem ist nur, dass der sich verselbstständigt, selbst dann, wenn der Auslöser des Traumas lange zurückliegt. Er verselbstständigt sich und wird nie wieder einer näheren Prüfung unterzogen, weil er unbewusst abläuft und auch unbewusst ablaufen muss. Eben damit es nicht auffällt, damit das, was unterdrückt werden soll und muss, nicht wieder hochkommt. Da wir so viel unterdrücken und in einigen Bereichen traumatisiert sind, gehen einige davon aus, wir müssten unsere Themen bearbeiten. Das Thema kannst du aber nur intellektuell begreifen. Dein Verstand kann sich erinnern oder eben auch nicht. Die Erinnerung an eine Geschichte oder die Erinnerung an den Grund und was passiert ist, ist aber gar nicht so hilfreich, denn darum geht es ja nicht. Du unterdrückst ja nichts, weil es eine Geschichte ist. Du kannst Geschichten hören und du kannst dir selbst deine eigene Geschichte erzählen. Das ist nicht das Problem. Das Problem sind die damit verbundenen Gefühle. Die werden durch das Vergessen der Geschichte unterdrückt. Und wenn wir uns an die Geschichte erinnern, kommen die wieder nach oben. Die kommen aber auch nach oben, wenn wir uns nicht an die Geschichte erinnern und in diesen Fällen denken wir dann, die anderen wären schuld oder die anderen triggern uns. Das ist zwar oberflächlich betrachtet tatsächlich der Fall, aber in der Tiefe geht es um etwas vollkommen anderes. Es kommen immer wieder Menschen in dein Leben, die dich nerven, die dich aufregen, die dich triggern, wie die Spirituellen sagen. Und diese Menschen erinnern dich ohne die Geschichte von früher an deine Gefühle von früher. Diese Gefühle könntest du auch auslösen, indem du dich an die Geschichte erinnerst. Aber es ist gar nicht notwendig. Diese Gefühle können auch von Menschen ausgelöst werden, die mit dieser Geschichte überhaupt nichts zu tun haben und wo du wirklich denken könntest: »Das liegt jetzt aber wirklich am anderen und das hat mit mir und meiner Geschichte und meinen Gefühlen überhaupt nichts zu tun. Der ist wirklich doof und der will mich wirklich ärgern!« Deshalb ist es so eine große Möglichkeit zu heilen, wenn du, statt dich an die Geschichte zu erinnern oder auch statt dir selbst die Geschichte zu erzählen, die jetzt gerade stattfindet und die Gefühle von früher auslöst, tatsächlich einfach nur die Gefühle zu fühlen. Also die Energien, die Körperempfindungen, die du jetzt gerade in deinem Körper wahrnehmen kannst. Deine Angst und auch alle anderen Gefühle zu fühlen ist genau deshalb der Beginn deiner Freiheit.