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    1.5.2022AQ 1619
    »Die Arbeit selbst muss zum Lobgesang auf das Leben werden.«
    0:0013:33
    Die Arbeit selbst muss zum Lobgesang auf das Leben werden. Viele Menschen verstehen das falsch. Das bedeutet nicht, dass du jeden Tag nach einem festen Terminplan frohlocken und Hosianna singen musst, so wie der Münchner im Himmel. Aber alleine der ‘Tag der Arbeit’ beziehungsweise wie wir ihn begehen, führt uns oder könnte uns vor Augen führen, wie absurd alles ist. Denn die erste Frage, die sich stellt, ist: Warum ist der Tag der Arbeit ein Feiertag? Wenn Arbeit etwas so Wichtiges und Wertvolles ist, wenn wir unsere Arbeit lieben würden, würden wir dann frei machen, würden wir dann einen Feiertag brauchen? Und die Antwort ist offensichtlich: »Natürlich nicht.« Eine Auszeit brauchst du nur, wenn du überfordert wurdest oder wenn du dich selbst überfordert hast. Und eine ganz gute Chance, dich zu überfordern, ist es, wenn du etwas tust, was dir keinen Spaß macht. Dann bist du nämlich schon überfordert, bevor du angefangen hast. Und natürlich kenne ich den offiziellen Grund, warum das ein Feiertag ist und kenne die Arbeiterbewegung. Aber genau die ist ja das Problem. Denn warum solltest du, wenn du etwas gerne tust, dafür kämpfen, weniger davon tun zu müssen? Und genau dieser Kampf um mehr Rechte, mehr Geld, weniger Arbeitszeit, mehr Urlaub und so weiter ist das Problem. Und ich tue mich immer total schwer, das zu erklären, weil es für mich so offensichtlich ist und ich gar nicht verstehe, wie man das nicht erkennen kann. Und ein sehr plakatives Beispiel dafür habe ich in den Retreats schon öfter erwähnt. Und zwar immer dann, wenn irgendwo Arbeitsplätze abgebaut werden, gehen Menschen auf die Straße oder in das entsprechende Werk, in die Fabrik, in die Firma oder vor deren Tor und demonstrieren. Und ich frage mich dann immer: »Als diese Menschen diese Nachricht noch nicht hatten, als sie noch nicht wussten, dass jetzt zum Beispiel 20 % der Arbeitsplätze abgebaut werden sollen und dass ihrer sehr wahrscheinlich auch dabei ist, bevor sie das wussten, waren sie da glücklich? Sind sie jeden Tag mit guter Laune in die Arbeit gegangen? Haben sie sich auf ihre Kollegen und ihren Chef gefreut und auf die Kunden, für die sie arbeiten dürfen?« Und ja, natürlich ist eine solche Vorstellung derzeit noch utopisch und ich sage auch gar nicht, dass es so sein sollte. Aber ich kann sehen, wenn es nicht so ist, sind die Menschen trotzdem nicht bereit, Konsequenzen zu ziehen. Sie stellen die Arbeit, aber eigentlich das Geld beziehungsweise das Geldverdienen über ihre Freude. Und das ist absurd. Denn gäbe es bescheuerte Chefs und die Mitarbeiter würden einfach kündigen, dann müsste sich der Chef überlegen, wie er seine Mitarbeiter behandelt. Für die meisten Menschen ist es eine absolut utopische Vorstellung, mit Freude Geld zu verdienen. Und ich meine damit eben nicht, dass man deshalb die ganze Zeit im Kreis tanzen muss und frohlockend Hosianna singt. Es wäre schon eine unfassbare Revolution für die meisten Menschen, wenn sie nicht mehr ungern zur Arbeit gehen würden. Das reicht schon. Wenn Arbeit kein Leid mehr ist, wenn man nicht mehr für Geld arbeitet, sondern weil man es wirklich gerne macht. Dazu bräuchte man aber eine Orientierungsphase und die gönnen sich die meisten Menschen nicht, denn man muss ja ununterbrochen Geld verdienen. Das ist ja sehr wichtig. Und weil man das glaubt und weil man auch nicht bereit ist, kein Geld zu haben oder sogar einfach nur keine Lücke im Lebenslauf möchte, deshalb versklavt man sich selbst weiterhin, ohne zu verstehen, dass diese Selbstfindung absolut notwendig wäre. Diese Phase, in der man Verschiedenes ausprobiert, in der man auch bereit ist zu versagen, wo man Altes verlernt oder vergisst und Neues zulässt. Weniger spektakulär formuliert, könnte man auch sagen: »Deine Arbeit muss dein Leben sein.« Oder »Dein Leben muss deine Arbeit sein.« Und falls du jetzt denkt: »Oh nein, um Gottes Willen! Ich brauche doch Freizeit!«, hast du nicht verstanden, was ich meine. Das bedeutet auch nicht, dass du die ganze Zeit arbeiten musst. Ganz im Gegenteil. Aber es passiert etwas sehr Verrücktes. Wenn dir deine Arbeit nicht mehr als Arbeit vorkommt, dann gibt es diese Gedanken nicht mehr und dann willst du auch nichts mehr vermeiden. Und dann ist Arbeit genauso wie Freizeit oder Privatleben einfach nur dein Leben. Es gibt keinen Unterschied mehr. Du lebst, du machst etwas und mal könnte man das als beruflich bezeichnen und mal könnte man das als privat bezeichnen. Aber meistens machst du irgendwas. Es gibt kaum Menschen, die Lust haben, ihr Leben lang in der Hängematte zu liegen. Die meisten Menschen möchten aktiv sein. Sie wären nur anders aktiv. Das wäre der entscheidende Unterschied. Sie wären wirklich ganz anders aktiv als aktuell. Aber das bräuchte natürlich eine Neuorientierung. Und so etwas ändert man nicht von heute auf morgen und auch nicht in wenigen Wochen oder Monaten. Wir feiern am Tag der Arbeit also unseren Kampf gegen die Arbeit. Und das müsste uns mal klar werden, was das eigentlich bedeutet. Und da bringt es nichts, darüber zu diskutieren und eine Meinung zu haben und die Arbeiterbewegung für wichtig zu halten. Damit sicherst du nur die Grundlage deiner Programmierung. Erst wenn wir bereit sind, frei von Widerstand alles zu hinterfragen, können wir frei sein und wirklich Neues zulassen. Neues, das außerhalb unserer Vorstellungsmöglichkeiten liegt. Und Arbeit als Lobgesang auf das Leben selbst ist für die meisten weit außerhalb ihrer Vorstellungsmöglichkeit. Aber nur, weil wir es uns nicht vorstellen können, bedeutet das überhaupt nicht, dass es nicht möglich ist. Es bedeutet wirklich nur das: Wir können es uns nicht vorstellen. Das bedeutet, das ist eine begrenzte Fähigkeit, eine eingeschränkte Kapazität in uns. Wir behaupten dann einfach und tun so, als wäre es nicht möglich, weil wir uns nicht genau anschauen wollen, was in uns abgeht und wie wir zu dieser Schlussfolgerung kommen. Wir müssten und könnten sie erkennen als unsere eigene Unfähigkeit, es uns anders vorzustellen.