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    27.4.2022AQ 1615
    »Ich habe keine Lust«
    0:0011:49
    Keine Lust haben reicht als Grund. Das Drama deiner Kindheit in einem Satz. Der einzig wahrhaftige Grund wurde dir als Begründung verboten: »Ich habe keine Lust« wurde nicht akzeptiert. Grundsätzlich nicht oder zumindest in den meisten oder wichtigsten Fällen nicht. »Ich habe keine Lust in die Schule zu gehen.« »Du musst aber! Ganz einfach. Ende der Diskussion.« Es gibt gar keine. Umgekehrt gäbe es auch keine, wenn der Satz des Kindes »Ich habe keine Lust« gehört werden würde und vor allem gefühlt werden würde, was das bedeutet. Die Eltern können aber nicht darauf eingehen, sie können dem sogenannten Wunsch des Kindes nicht entsprechen, denn sie selbst leben in einer Welt, in der dieser Grund nicht gilt. Und diese Welt wollen sie aufrechterhalten. Würden sie es zulassen, dass es sein könnte, dass das Kind recht hat, würde ihre eigene Welt einstürzen. Und ich verstehe, wenn Menschen sagen: »Ja, aber Stefan, es gibt doch bestimmte Dinge, die muss man wirklich machen!« Und das ist Einbildung. Es ist ein hartes und vehementes Programm, das dich nicht loslassen will, es will dich nicht in die Freiheit entlassen. Und es wird dich auch nicht in die Freiheit entlassen, außer du nimmst dir diese Freiheit. Sich die Freiheit zu nehmen bedeutet, für alles bereit zu sein, wovor dir dein Verstand Angst macht, ohne dass es sein muss. Und es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass es jemals passiert, dass alles, wovor dir dein Verstand Angst macht, auch eintritt. Ganz selten passiert mal eine Sache, die nicht so cool ist. Meistens passiert gar nichts. Aber selbst, wenn das passiert, was angeblich nicht so cool ist, was man auch vorher so gedacht hat, dass das nicht cool wäre, erlebt man es, wenn man bewusst ist, wenn man es wirklich erlebt, vollkommen anders als das, wovor man Angst hatte. Da die Eltern selbst in dieser Welt leben, in der sie glauben, dass 'keine Lust haben' Drückebergerei ist, weil ihnen das selbst so beigebracht wurde, finden sie keine andere Möglichkeit. Sie sehen keine Alternative, weil sie denken: »Dann wird aus dem Kind nichts. Dann wird es ein Versager, weil es nicht hart gegen sich selbst vorgehen kann, weil es nicht hart genug für diese Welt wird.« Diese Welt existiert aber gar nicht, sondern es existiert die Welt der Eltern in den Eltern selbst. Und andere Welten kennen sie nicht. Sie glauben nur, die Welt zu kennen, denn ihre Welt ist so. Dass es eine Welt gibt, in der Kinder von Anfang an aufgrund ihrer Lust entschieden haben und dadurch unfassbar viel gelernt haben, mehr sogar, als diejenigen Kinder, die dazu in der Schule gezwungen wurden, so etwas kommt in der Welt dieser Eltern nicht vor. Sie sind zutiefst überzeugt davon, dass es Drückebergerei ist, wenn man sich an seiner Lust beziehungsweise auch an der nicht vorhandenen Lust orientiert. Und verrückterweise ist es nämlich nicht so, dass jemand nur keine Lust hat, sondern es gibt keine Lust und es gibt Lust. Nur das, worauf Kinder Lust haben, ist unter den Erwachsenen teilweise nicht anerkannt. »Das ist kein Ausbildungsberuf. Das ist keine Schule. Das ist keine Uni. Und deshalb zählt es einfach nicht.« Das ist aber Willkür. Das hat keine reale und auch keine realistische Grundlage. Das ist einfach nur ausgedacht. Aber sehr massiv und vehement ausgedacht. Also ist es so. Und da die Erwachsenen am längeren Hebel sitzen und das ausnützen, verstehen sie nicht, dass der längere Hebel, an dem sie da ziehen, gar nicht nur und ausschließlich der längere Hebel für die Kinder ist, sondern es ist der längere Hebel, mit dessen Hilfe sie sich in ihrem eigenen Gefängnis einsperren. Wenn Kinder Lust haben — und das kommt vor — und sie dürfen dieser Lust folgen, entwickelt sich immer etwas. Es macht nichts, wenn das nicht sofort ein Beruf wird. Sie lernen und entwickeln etwas in sich und sie werden vor allem gefestigt in einer Erkenntnis: »Wenn ich das tue, worauf ich Lust habe, entwickelt sich was. Und wenn ich dabei sogar noch unterstützt werde von meinen Eltern oder zumindest nicht behindert«, in den meisten Fällen reicht das schon, »dann lerne ich vollkommen anstrengungsfrei. Vor allem aber entwickle ich etwas, was sehr erstaunlich ist, nämlich sogenannten Ehrgeiz oder Motivation. Motivation, die nicht von außen kommt, wozu mir niemand sagen muss, ich sollte das tun und dann das tun und ich muss jetzt aber. Sondern Motivation, die von ganz alleine kommt, aus mir selbst heraus, selbst dann, wenn ich mit Schwierigkeiten konfrontiert werde. Ich entwickle plötzlich etwas, das man Ehrgeiz nennen könnte, ohne dass ich vorher ehrgeizig war. Gleichzeitig erlebe ich aber auch, falls ich keinen Ehrgeiz entwickle, darf ich das, woran ich gerade arbeite, auch wieder sein lassen.« Diese Lust und diese Unlust ist schon immer dein Navigationssystem. Und dieses Navigationssystem wurde geschrotet im Namen von Disziplin, was für das Leben lernen im Namen von Ehrgeiz und Motivation und vor allem im Namen der Lehrer und der Eltern, die ihre Welt auf dich übertragen haben. Meistens sogar, ohne dass es ihnen klar war. Und selbst wenn es ihnen klar war, war ihnen nicht klar, dass das nicht die Welt ist, die sie auf dich übertragen, sondern nur ihre eigene Welt.