Wenn du frei von Vorwürfen bist, brauchst du keine Vergebung. Wenn du radikal bist und an die Wurzel gehst, wird jedes Vergebungsritual überflüssig. Vergebung braucht nur derjenige, der entweder noch Vorwürfe macht oder den die Vorwürfe verunsichern. Wenn du frei von Vorwürfen bist und auch frei von der Resonanz auf Vorwürfe, dann brauchst du nicht vergeben und dir braucht niemand vergeben. Das heißt nicht, dass du ignorierst, was passiert ist oder dass etwas passiert ist, sondern es bedeutet, dass du dich frei von Vorwürfen daran erinnern kannst. Das mag vielleicht utopisch für dich klingen. Das liegt aber daran, dass du denkst, du musst komplett frei werden, Vorwürfe müssen von einem Tag auf den anderen komplett verschwinden. Viele von uns haben eine Alles-oder-Nichts-Programmierung. Tatsächlich ist dieser Prozess vollkommen anders. Am Anfang berühren dich Vorwürfe, die man dir macht. Vollkommen klar! Und in dem Zustand, in dem wir uns befinden, auch vollkommen normal, denn wir machen auch Vorwürfe. Viele von uns haben das so gelernt, dass man zum Beispiel, wenn etwas schiefläuft, wenn man sich schlecht behandelt fühlt, dem anderen Vorwürfe macht, als würde das etwas bringen, als würde dir das helfen. Tut es natürlich nicht, aber wir haben es halt so gelernt. Und aus dieser Spirale herauszukommen ist natürlich schwierig, aber vor allem deshalb, weil wir denken: »Wenn wir da heraus wollen, müssen wir 100 % sofort auf der Stelle herauskommen!« Und das stimmt einfach nicht. Du musst nicht sofort und auch nicht zu 100 % da herauskommen. Am Anfang genügt es vollkommen, wenn du dich daran erinnerst, dass das jetzt ein Vorwurf ist, den du machst. Und stattdessen das Gefühl fühlst, das der Auslöser für diesen Vorwurf war. Und wenn du einen Vorwurf gemacht bekommst, wenn dir jemand etwas vorwirft, dann könntest du, statt dich zu verteidigen oder auch statt dich selbst zu geißeln und selbst zu beschuldigen und den Vorwurf als vollkommen wahr anzunehmen, ebenfalls das Gefühl fühlen und erst einmal sonst nichts machen — außer das Gefühl fühlen. Wenn du das tust, werden deshalb nicht alle Vorwürfe dir gegenüber und die Vorwürfe, die du anderen machst, sofort verschwinden. Aber vielleicht über die Jahre? Vielleicht braucht das Ganze Zeit? Bei dem einen geht es schneller, bei dem anderen dauert es ein bisschen länger. Es hängt nicht davon ab, ob du von Anfang an alles 100 % machst. Es hängt davon ab, ob du damit beginnst, dich zu beobachten und dein Gefühl zu fühlen. Denn das Gefühl ist an der Wurzel, zumindest das, was du wahrnehmen kannst. Und das Gefühl liegt tiefer als der Vorwurf. Die Körperempfindung liegt dem Vorwurf zugrunde. Und zwar sowohl dem Vorwurf, den du anderen machst, als auch dem Vorwurf, den du bekommst. Auslöser und Reaktion sind immer Körperempfindungen. Natürlich auch bei den anderen, aber um die darfst du dich nicht kümmern. Da setzt du an der falschen Stelle an, wenn du das anderen erklären willst. Du musst es selbst machen und erleben. Nicht wissen! Eine Situation erklären zu können bedeutet nicht, sie aufzulösen. Die Auflösung findet auf einer anderen Ebene statt wie die Erklärung. Kümmere dich also nicht um die Menschen, die dir Vorwürfe machen! Kümmere dich um dich selbst!