»Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.« Napoléon Bonaparte Das gilt auch für deine Geschichte. Man hat sie dir erzählt, du hast sie geglaubt. Dadurch hast du sie als allererstes dir selbst erzählt und anschließend auch anderen und auch die haben deine Geschichte geglaubt. Sie haben sich gemeinsam mit dir darauf geeinigt, dass das deine Geschichte ist. Und da alle anderen auch an ihre eigene Geschichte glauben, ist es ein sich gegenseitig stabilisierendes System. Sie erzählen dir ihre Geschichte und du glaubst daran und du erzählst ihnen deine Geschichte und sie glauben daran. Niemand hinterfragt deine Geschichte. Und falls doch, dann nur mit dem Hintergrund, dass er eine andere Geschichte von dir hören will. Aber niemand kommt auf die Idee, dass deine Geschichte genau wie jede andere Geschichte auch eine Lüge ist, auf die man sich geeinigt hat. Alle denken, sie wären ihre Geschichte. Sie legen wert auf ihren Lebenslauf und auf alles, woran sie sich erinnern können und sie verwechseln diese Erinnerung mit sich selbst. Sie sind aber nicht diese Erinnerung. Diese Erinnerungen an ihr bisheriges Leben sind Gedanken, mit denen sie sich identifizieren. Sie identifizieren sich mit diesen Gedanken so stark, dass sie diese Gedanken sogar verteidigen. Sie wollen auch gar nicht, dass es anders sein könnte. Sie sagen: »Aber ich kann mich doch erinnern. Das habe ich doch erlebt. Also bin ich das.« Sie verstehen nicht, dass eine Erinnerung nur eine Funktion ihres Verstandes ist. Es ist auch nicht verkehrt, sich an etwas zu erinnern, wenn du weißt, dass das nicht du bist. Du bist diejenige Kapazität, die all das zur Verfügung stellt und damit die Möglichkeit bietet, dass dein Geist existieren kann. Du bist das, was wahrnimmt — nicht deine Erinnerung. Es gibt auch eine ganz einfache Möglichkeit, wie du das überprüfen kannst. Du bist ja jetzt schon länger hier. Du musst also etwas sein, was konstant ist. Etwas, das sich verändert, kannst nicht du sein, denn sonst wärst du ja verändert. Du bist aber schon die ganze Zeit hier. Ja, dein Körper verändert sich, deine Gedanken verändern sich, deine Erfahrungen verändern sich und da gibt es etwas, das diese Veränderung wahrnimmt und bezeugen kann. Dieser Teil ist unaussprechlich und gleichzeitig ist es offensichtlich, dass er da sein muss, denn ohne ihn wäre alles verändert und es gäbe nichts, was diese Veränderung wahrnehmen kann. Etwas, das sich verändert, kann nicht sagen: »Ich kenne dich von gestern.« Das Veränderte kann keine Veränderung bezeugen, nur Konstantes kann das und konstant kann nur das sein, was keine Form hat, was überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Es ist ohne Charakter und ohne Eigenschaften. Es hat keine Vorlieben und keine Abneigungen und es wünscht sich nichts. Es kann auch nicht wahrnehmbar sein — zumindest nicht so, wie wir Wahrnehmung gewohnt sind. Solange wir uns auf unsere Geschichte konzentrieren, die eine Lüge ist, auf die wir uns geeinigt haben, solange können wir nicht herausfinden, was wir wirklich sind. Unsere Geschichte, in die wir uns verliebt haben, hält uns von Selbsterkenntnis ab. Erinnerungsvermögen ist dabei kein Problem, Erinnerungsvermögen, auf das wir uns etwas einbilden, dagegen schon, denn diese Einbildung hält dich in der Geschichte gefangen. Durch diese Einbildung identifizierst du dich mit deiner Geschichte und durch diese Identifikation ist es dir nicht möglich, etwas jenseits davon zu entdecken. Für diese Entdeckungsreise brauchst du nicht darauf warten, bis du erleuchtet bist, du kannst jetzt schon damit beginnen, deine Geschichte oder zumindest die Erinnerung an deine Geschichte, auf die du dir etwas einbildest, zu ignorieren. Je mehr du von dieser Geschichte vergessen kannst, desto näher kommst du dir.