Der Zustand der Welt ist entarteter Verstand. Und je mehr ihm Aufmerksamkeit schenken, desto mächtiger wird er. Wenn ich Verstand sage, meine ich meistens den entarteten Teil. Das ist allerdings auch der Teil, dem wir die meiste Aufmerksamkeit geben und den wir am besten kennen. Der Teil, der drei plus vier rechnen kann, der ist super, der ist aber nicht derjenige Teil, der am meisten von uns verwendet wird. Wir verwenden den Teil, der aufgrund unserer Traumata programmiert ist beziehungsweise besser gesagt, der aufgrund unserer Traumata automatisch reagiert und uns stresst. Er reagiert, weil er von dem ursprünglichen Traumata, das ein Gefühl in deinem Körper hervorruft, ablenken will, er will dich schützen vor diesem Gefühl. Und das war in deiner Kindheit auch vollkommen okay und richtig, aber jetzt kannst du es fühlen, wenn du willst. Diese Möglichkeit erkennen viele Menschen aber nicht, weil sie dem entarteten Teil des Verstandes Glauben schenken, der nicht nur in Gefahrensituationen reagiert, sondern der dir auch sonst in deinem Leben eine ganze Menge Stress beschert. Das heißt, er versucht dich zwar vor einer sehr intensiven, schlimmen Situation zu schützen und dafür hat er aber in den Situationen, die überhaupt nicht problematisch sind, so automatische Muster, die er einfach abspielt, wo er entgegen seines Namens überhaupt nicht rational ist, also weit jenseits davon eben entartet. Er ist nicht hilfreich und der Großteil der Menschheit schenkt diesem Teil die meiste Aufmerksamkeit, deshalb ist die Welt in dem Zustand, in dem sie ist — und mit der Welt meine ich natürlich nicht die Erde, sondern die Menschen. In diesem Zustand kann der Verstand eben keinen klaren Gedanken mehr fassen, denn klare Gedanken werden und sind nicht reglementiert. Wenn du klar denken kannst, bist du frei, denn du kannst alles denken und auch alles glauben oder auch nicht, es belastet dich auch nicht. Wenn jemand mit einer neuen Theorie kommt oder ein alternatives Welterklärungsmodell für dich bereit hält, dann musst du ihn auch nicht gleich abstempeln und in Schubladen stecken, nur um dir nicht anhören zu müssen, was er dir zu sagen hätte — auch diese Schubladen sind wieder entarteter Verstand, der dich schützen will, damit du nicht aus deinem von dir selbst geschaffenen Rahmen fällst. Den Verstand zu ignorieren, sprich jeden stressigen Gedanken zu ignorieren, ist eine der schwierigsten und gleichzeitig lohnendsten Übungen, die du jemals machen kannst und zwar nicht nur für die nächsten fünf oder einundzwanzig Tage, sondern für den Rest deines Lebens. Du erkennst dann ganz automatisch den tatsächlichen Zustand der Welt und was wir daraus machen und zwar nur mit Hilfe unseres entarteten Verstandes. Ich habe früher immer gedacht, es sei sehr einfach, diesen Teil wahrzunehmen und für jeden problemlos zu sehen, welcher Teil damit gemeint ist. Mittlerweile ist mir klar, dass sich einige gar nicht leicht tun und dass es für viele sogar unmöglich ist. Zumindest erscheint es unmöglich, was aber mehr damit zu tun hat, dass man nicht will, was auch okay ist. Man will diesen Teil, der sein Leben bisher dominiert hat, nicht ignorieren. Man will diesen Teil nicht in die Schranken weisen, denn ER erzählt dir, er sei dein bester Freund. Er ist aber nicht dein bester Freund, er ist dein größter Feind — wie es im Film Revolver so schön heißt — und als dein größter Gegner versteckt er sich dort, wo du ihn am wenigsten erwartest: IN SICH SELBST. Dadurch kriegst du gar nicht mit, dass du immer an der gleichen Stelle suchst, obwohl du denkst, du würdest an verschiedenen Stellen suchen. Er redet dir ein, er sei alles, was existiert und jenseits von ihm gäbe es nichts Wichtiges mehr. Das ist der größte Trugschluss und sein größter Trick. Tatsächlich findet das Meiste außerhalb von ihm statt, vor allem aber alles Relevante.