Ein Visionär weiß nicht, was kommt. Wir haben eine falsche Idee, falsche Vorstellungen davon, was ein Visionär ist. Wir denken dabei an jemanden, der die Zukunft vorhersagen kann oder die Zukunft durch seine starken Vorstellungen von der Zukunft mitgestaltet. Ein echter Visionär macht sich aber keine Gedanken über die Zukunft. Ein echter Visionär erkennt nämlich die Beschränktheit seiner Gedanken. Er erkennt aber nicht nur die Beschränktheit seiner aktuellen Gedanken, sondern er weiß vor allem, dass die Kapazität der Gedanken ganz allgemein extrem eingeschränkt ist. Er weiß, dass er die Zukunft nicht in den Gedanken finden kann und zwar selbst dann nicht, wenn er sich neue Gedanken macht oder ganz besonders abgefahrene Gedanken oder wenn er sich sehr bemüht, nicht mehr in alten Programmierungen zu denken, ohne Limitierungen zu denken. Er weiß, dass er nicht ohne Limitierungen denken kann, denn das ist der Charakter von Gedanken, dass sie limitiert sind. So großartig wie dein Leben ist und wie du bist, kannst du gar nicht denken, vor allem aber kannst du dir die Möglichkeiten nicht ausdenken. Und wir alle kennen seit über eineinhalb Jahren ein Beispiel dafür. Hätte ich dir erzählt, was 2020 und 2021 passieren wird, hättest du mich für verrückt gehalten. Ich hätte es dir aber gar nicht erzählen können, weil ich so verrückt gar nicht denken kann. Das, was wir momentan erleben, wäre früher als absolut sarkastische Satire abgestempelt worden oder wahlweise auch als vollkommen verrückt und durchgeknallt oder sehr wilde, lustige Vorstellungen über die Zukunft, die so niemals eintreten wird. Kurz und knapp: Wir wissen nicht, was kommt. Und ein Visionär, der sich einfach nur sehr verrückte oder gewagte oder auch utopische, sehr schöne Gedanken über die Zukunft macht, ist keiner, denn selbst schöne Gedanken sind eine Flucht deines Verstandes. Ein echter Visionär muss sich und der Welt viel mehr Möglichkeiten offenhalten, als sich der Verstand vorstellen kann und um sich diese Möglichkeiten offen zu halten, gibt es eine sehr simple, aber nicht unbedingt leichte Übung. Ein Visionär lebt im Hier und Jetzt und eben nicht in der Zukunft, denn dadurch dass er im Hier und Jetzt verankert ist, gestaltet sich seine Zukunft von ganz alleine, ohne dass er sich einmischen müsste, ohne dass er Pläne machen muss, wie es im nächsten Jahr wohl sein wird, auch nicht wie es im nächsten Monat wird, noch nicht einmal wie es die nächste Woche ist oder am nächsten Tag. Mit all dem kann sich ein Visionär gar nicht beschäftigen, weil sonst sein Verstand zugemüllt wird mit Gedanken an die Zukunft, die jetzt noch nicht hier ist und entsprechend kann er nicht Visionär sein. Er wird es dann maximal schaffen, mehr von dem zu kreieren, was er schon kennt oder das zu kreieren, was er sich vorstellen kann und er bemerkt dabei nicht, dass seine Wünsche für die Zukunft — oder auch Visionen genannt — im Widerstand zu dem entstehen, wie es jetzt für ihn ist. Ohne einen Widerstand zum jetzigen Moment braucht es keine Wünsche, also auch keine Visionen. Die größte erreichbare Vision ist es, dass die Menschen wieder entdecken, dass es noch nie etwas anderes als diesen Moment gegeben hat und auch niemals etwas anderes als diesen Moment geben wird und dass sie schon immer nur diesen Moment erleben, während sie entweder über die Vergangenheit oder über die Zukunft nachdenken. Sie waren aber noch niemals woanders als in diesem Moment. Auch wenn sie einen Gedanken über die Vergangenheit oder an die Zukunft haben, findet dieser Gedanke in diesem Moment statt. Das Dumme ist nur, wenn man denkt, kriegt man das nicht mehr mit, vor allem dann nicht, wenn man besonders negativ oder besonders positiv denkt, also wenn man besonders aufregend denkt — ganz egal in welche Richtung —, dann kriegt man als Visionär, der ganz besonders aufregend über die Zukunft denkt, zum Beispiel gar nicht mit, dass man in Wahrheit ein Workaholic ist und dass man gar nicht so entspannt ist, wie man tut. Welchen anderen Grund könnte es aber geben als Entspannung, wenn man ein Visionär sein will? Da diese Entspannung aber nie in der Zukunft liegt, sondern immer nur in diesem Moment zu finden ist, kann man sie nicht erreichen, indem man über die Zukunft nachdenkt. Man muss erst in diesen Moment zurückkommen, um ein Visionär sein zu können, denn alles, was sich ein Visionär wünschen kann, liegt bereits in diesem Moment. Hier und Jetzt, in diesem Moment bist du entweder im Widerstand und willst dir deshalb etwas Visionäres für die Zukunft ausdenken oder du bist tatsächlich in diesem Moment. Und wenn du tatsächlich in diesem Moment bist, ist jede Vision bereits erfüllt.