Deine Freiheit endet nicht dort, wo die Unfähigkeit der anderen beginnt. Die größte Unfähigkeit besteht darin, seine Gefühle zu fühlen. Wenn man dazu nicht bereit oder nicht in der Lage ist, projiziert man seine Gefühle auf seine Umgebung, auf andere Menschen und denen gibt man dann — bewusst oder unbewusst — die Schuld an den eigenen Gefühlen und obwohl diese Menschen tatsächlich der Auslöser dieser Gefühle sein können, sind sie nie die Ursache. Die Ursache liegt in uns und in unserer Kindheit verschüttet und es ist schon mal ein Riesenfortschritt, wenn man das erkennen kann. Allerdings gibt es dabei wieder ein kleines Problem, wenn man versucht draufzukommen, was in der Kindheit passiert ist. Die Geschichte bringt dich nicht weiter und du kannst es bereits vorher — ohne die Geschichte zu kennen — absolut eindeutig wissen: Du hängst mit deinen Gefühlen in deiner Kindheit fest. So einfach! Der Verstand denkt, wenn er die Geschichte kennt, kann er die Gefühle auflösen. Das ist aber nicht der Fall. Du kennst ja auch die aktuelle Geschichte, die diese Gefühle ausgelöst hat und es bringt dir aber auch nichts. Nur weil du die Geschichte kennst, kannst du nicht die Gefühle auflösen. Diese Gefühle kommen in deinem Leben so oft wieder, bis du bereit bist, sie zu fühlen und dieses Fühlen ist keine Geschichte in deinem Kopf, also weder ein Erlebnis, noch die Beschreibung des Gefühls. All das ist nicht Fühlen. Fühlen ist, deine Aufmerksamkeit auf den Bereich in deinem Körper zu lenken, in dem du eine Körperempfindung wahrnimmst. Jeder Gedanke, den du währenddessen und in diesem Zusammenhang hast, ist nur störend, er bringt absolut überhaupt nichts, auch nicht der Gedanke: »Ah, jetzt habe ich es zum ersten Mal gefühlt.« Gedanken haben in diesem Bereich keinen Wert, denn Gedanken sind der Verdrängungsmechanismus, mit dem du deine Gefühle verdrängt hast und mit einem Verdrängungsmechanismus kannst du das Verdrängte nicht hervorholen. In dem Moment, in dem du in der Lage bist, deine Gefühle im Körper wahrzunehmen, endet deine Freiheit nicht mehr dort, wo die Unfähigkeit der anderen, ihre Gefühle zu fühlen, beginnt. Denn du bist bereit und in der Lage, deine Gefühle zu fühlen, die ausgelöst werden, wenn die anderen auf dich reagieren, weil sie der Meinung sind, du würdest etwas falsch machen. Das denken sie nur aufgrund ihrer eigenen Unfähigkeit, ihre Gefühle zu fühlen. Und es ist natürlich auch klar, dass das ein so schwerer Brocken für die Meisten ist, dass sie gar nicht verstehen können, was gemeint ist. Sie wollen lieber weiterhin auf andere projizieren. Wenn du trotzdem in der Lage bist, die Gefühle zu fühlen, die auch durch diese Projektion bei dir ausgelöst werden, werden sie sich früher oder später — meistens früher — eine andere Projektionsfläche suchen, denn du stehst dafür nicht mehr zur Verfügung. Bei dir können sie keine Reaktion mehr auslösen, die sie gewohnt sind und die sie brauchen, damit dieses Schuld-Ping-Pong-Spiel aufrechterhalten werden kann. Es geht immer nur darum, die Energie hin- und herzuspielen: »Du bist schuld.«, »Nein, du bist schuld.«, »Du bist schuld.«, »Nein, du bist schuld.« und so weiter. Und wenn da drüben niemand mehr ist, der reagiert, wird es für den, der dieses Spiel einseitig versucht aufrechtzuerhalten, sehr unangenehm. In dem Zusammenhang ist Schweigen eine der besten Heilungsmethoden — nicht nur für dich, sondern auch für die anderen. In der aktuellen Zeit kommen unsere Ängste und Verhaltensweisen aus unserer Kindheit wieder deutlichst an die Oberfläche. In vielen Fällen kannst du sogar sehen, wie sich die Eltern der Erwachsenen verhalten haben, denn sie versuchen, das zu wiederholen, was bei ihnen als Kind gewirkt hat und so behandeln sie jetzt dich. Es braucht ein großes Maß an Reflektion, um nicht in diese Falle zu tappen, denn wir lösen unsere Probleme immer nur vermeintlich außerhalb von uns. Immer dann, wenn dir Angst gemacht wird, also wenn deine Angst oder die Angst der Kindheit wieder nach oben kommt, ist es eine ideale Möglichkeit, deine Traumata zu heilen und zwar indem du es das erste Mal anders machst als bisher. Du schaust das erste Mal nicht mehr nach außen, sondern nach innen und du bist bereit, alles zu fühlen, was dort für dich wahrzunehmen ist. Mit der Überwindung deiner Unfähigkeit, deine eigenen Gefühle zu fühlen, ist das Gefühl von Angst kein Problem mehr. Du übernimmst damit die Verantwortung für dich und deine Gefühle und musst nie wieder andere dafür verantwortlich machen. Und so endet der Kreislauf von Angst und Gewalt, der Kreislauf der Gewalt gegen dich selbst und gegenüber andere.