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    15.11.2021AQ 1452
    »Jedes Gesetz zieht Verbrechen nach sich.«
    0:007:50
    Jedes Gesetz zieht Verbrechen nach sich. Wer war als erstes da? Die Henne oder das Ei? Wer war als erstes da? Das Gesetz oder der Verbrecher? Der Richter und der Anwalt? Die Frage nach Ursache und Wirkung ist eine der spannendsten, wenn man die Antwort außerhalb des Verstandes zulässt. Solange man einen Schuldigen sucht, ist man gefangen, das bedeutet nicht, dass es keine Taten gibt und das bedeutet auch nicht, dass jeder alles machen kann, was er will — ganz egal, wie sich das auswirkt. Das ist eine ganz andere Frage. Sondern es stellt sich die Frage nach der Ursache. Jeder Lehrer braucht einen Schüler, jeder Richter braucht einen Angeklagten. Unser Leben ist in Pole aufgeteilt beziehungsweise zwischen Polen angeordnet. Der chinesische Philosoph Lao Tzu hat was Ähnliches dazu gesagt: »Je mehr Gesetze und Verordnungen, desto mehr Diebe und Räuber wird es geben.« Ich kannte das vorher nicht und man kann dieses Zitat auf zwei Arten erklären. Die eine ist das Offensichtliche, es findet die ganze Zeit etwas statt, aber sobald man es verbietet, wird ein Verbrechen daraus und demnach zieht jedes Gesetz Verbrechen nach sich, ohne dass sich etwas verändert, also ohne, dass es mehr von der Tat gab oder gibt, die es vorher schon gab. Und die andere Interpretation ist die gute Frage, ob es sein könnte, dass unser Drang, Gesetze und Verbote zu erlassen, auch dafür sorgt, dass es mehr von diesen Taten gibt. Es hat nämlich etwas mit einer vollkommen anderen Einstellung zu tun. Es gibt Menschen, die sind darauf aus, möglichst viel bei anderen zu finden und deren Leben einzuschränken und Verbote zu erlassen und Gesetze, die bestimmte Verhaltensweisen unter Strafe stellen. Und die Frage ist: Warum gibt es so viele Richter? Und warum gibt es so viele Kläger? Kann es sein, dass sich Täter und Opfer gegenseitig bedingen? Das ist ein Gedanke, den mögen die meisten Menschen nicht zulassen. Es geht dabei überhaupt nicht darum, dem Opfer die Tat zuzuschreiben. Das ist die klassische Kurzschlussreaktion, die manche Menschen dabei haben, sondern es geht um die uralte philosophische Frage nach Ursache und Wirkung. Was war als erstes da und bedingt das eine das andere und hat das eine Rückkopplung oder ist alles unabhängig voneinander? Wir tun so, als hätte mein Verhalten am Vormittag nichts mit meinem Nachmittag zu tun und ich vermute, dass es nicht stimmt. Und ich vermute auch, dass Lao Tzu das so gemeint hat, dass es eben tatsächlich dazu führt, dass auch die Anzahl der Taten sich vergrößert und sogar die Anzahl der Täter. Wir sind längst einem Ordnungs- und Regelungswahn verfallen. Wir haben es gar nicht gemerkt und wir merken auch nicht, dass diesem Ordnungs- und Regelungswahn ein sehr negatives Menschenbild zugrunde liegen muss und dem muss auch zugrunde liegen, dass jeder, der ein Gesetz oder eine Verordnung erlassen will oder der irgendetwas erlauben oder verbieten will, davon ausgehen muss, dass ER es ja weiß, nur die anderen nicht und das ist schon absurd. Das erinnert mich immer an eine Umfrage zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Da wurden die Menschen gefragt: »Ja, wie wäre das? Bedingungsloses Grundeinkommen.« »Ja, nein, da hängen alle ja nur noch faul ab.« — und dann wurden sie gefragt: »Ja, und was würden Sie machen?« »Ah ja, ich natürlich nicht. Ich bin nicht faul.« Also ist die Frage, was wir da in die Welt projizieren, wenn wir über uns nur das Beste denken und über alle anderen tendenziell eher das Schlechte.