Wir sind entwurzelt von den einfachsten Gegebenheiten. Ich vermute, dass mir beim heutigen Zitat viele zustimmen, allerdings nur solang sie es hören und nicht solang es um die Praxis geht. Das ist irgendwie generell das Problem unseres Kopfes, der hakt die Dinge ganz schnell ab, der hat sofort verstanden, der weiß, worum es geht und der sagt: »Klar, natürlich, ist so.« — und er versteht auch gar nicht, dass es in dem Sinn nicht darum geht, das zu ändern, sondern dass die Frage ist: »Was fühlst du dabei?«, denn meine Erklärung, die jetzt kommt, hört sich wie ein Problem auf der äußeren Ebene an und natürlich ist es auch außen sichtbar und wir leben es außerhalb von uns, aber die Frage ist viel eher: »Was hat das in uns verändert?«, beziehungsweise »Wofür sorgt das? Wofür sorgt diese Entwurzelung von den einfachsten Gegebenheiten?« Unser Leben wurde eingeteilt in Essenszeiten, Arbeitszeit, Freizeit, Schlafenszeit, Wochentage, Wochenende, Urlaub — und all das gibt es nicht, es sind nur Ideen. Selbst die Monate sind falsch. Es sind nicht zwölf Monate, sondern dreizehn Monde — jede Frau weiß das. Wochentage gibt es nicht, Wochenenden auch nicht. Es gibt nur Tage, Monde, Jahreszeiten und Jahre — und wir sind entwurzelt von diesen einfachsten Gegebenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass du nie wieder wissen darfst, wann Wochenende ist, das ist nicht der entscheidende Punkt, sondern der entscheidende Punkt ist, dass du dein Leben daran orientierst beziehungsweise noch viel schlimmer, du orientierst deine Lust daran und noch schlimmer, du unterwirfst deine Lust diesem unnatürlichen Rythmus. Du stehst auf zu Uhrzeiten, wo du gar keine Lust hast aufzustehen, du gehst ins Bett, obwohl du noch nicht müde bist, du fährst in Urlaub, obwohl du gerade gar keine Lust hast, musst du jetzt aber, weil jetzt hast du Urlaub, du isst in der Früh, weil man frühstückt, ohne dass du Hunger hast. Du unterwirfst dich diesen Zeiten, die erfunden sind und das machst du nur, weil du denkst und vollkommen überzeugt bist, dass sie real sind, dass sie real existieren und du hast schon Ausreden, warum du dich nicht nicht daran orientieren kannst, bevor du es das erste Mal versucht hast. Du hast es noch nie ausprobiert, was passiert, wenn du dir keinen Wecker stellst — außer am Wochenende, da ist es erlaubt. Du hast noch nicht ausprobiert, was passiert, wenn du dann Pause machst — ganz egal, ob du das Feierabend oder Urlaub nennst — wenn du keine Lust mehr hast zu arbeiten. Du hast es noch nie ausprobiert, dich an deinen Rhythmus anzupassen. Dieser Rhythmus steht in keinem Kalender, den gibt es nicht im Internet, den findest du auch nicht bei mir, den findest du nirgendwo anders als in dir. Und dieser Rhythmus kann sich ändern, der kann dieses Jahr so sein, nächstes Jahr anders und der kann ewig gleich bleiben und du denkst die ganze Zeit: »Oh, das ist aber kein gesunder Rhythmus, ich sollte ihn dringend ändern.« Er ändert sich aber einfach nicht und du leistest keinen Widerstand und deshalb lebst du ihn einfach. Du lebst einfach deinen Rhythmus. Schon klar, du kannst es dir nicht vorstellen, so wie du dir alles nicht vorstellen kannst, was du nie ausprobiert hast, weil du schon vor dem ersten Versuch Erklärungen und Ausreden hattest. Ganz einfach. Wir haben oft die einfachsten Sachen nicht gefragt, uns nach den einfachsten Möglichkeiten nicht erkundigt. Du kannst zum Beispiel in bestimmten Fällen, wahrscheinlich nicht in allen, aber du kannst deinen Arbeitgeber fragen, kannst sagen: »Hey, nachmittags ab zwei bin ich produktiver. Ist es okay, wenn ich erst um zwei komme? Da arbeite ich für drei und dann gehe ich nach drei Stunden wieder heim.« Ja, ja, klar, ist alles utopisch, total unrealistisch, es gibt keinen, der das mitmachen würde. Absoluter Blödsinn. So funktioniert es. So funktioniert der Verstand. Er hält dich über deine Vorstellungen gefangen, über deine Unfähigkeit, dir etwas vorzustellen, über SEINE Unfähigkeit, dir etwas vorzustellen, dir etwas auszumalen. Du wurdest von frühesten Kindesbeinen an an all diese Zeiten gewöhnt und man hat sie dir indoktriniert. Manche Menschen können sich noch nicht einmal vorstellen, sich nicht an die Essenszeiten zu halten und einfach dann zu essen, wenn sie Hunger haben. Was für ein unfassbar revolutionäres Konzept! Nichts essen, wenn du keinen Hunger hast, essen, wenn du Hunger hast und falls du Lust hast, mit der Nachspeise anzufangen, die Nachspeise als erstes zu essen und dann zu merken: »Jetzt habe ich gar keine Lust mehr auf die Hauptspeise.« — und das ist auch okay. Da dreht es bei den meisten Menschen schon total am Rad, die drehen komplett frei, traut sich keiner und wenn du es dich schon traust: Herzlichen Glückwunsch! — dann mache weiter, dann schaue, wie es mit der Schlafenszeit aussieht, mit der Arbeitszeit, mit der Freizeit, mit dem Urlaub! Könnte dein Leben zum Urlaub werden? Könnte deine Arbeit zum Urlaub werden? Könnte dein Urlaub zur Arbeit werden? Könnten dir Geburtstage und Feiertage egal werden? Könnte dir Ostern und Weihnachten egal werden? Wenn du dir das nicht vorstellen kannst, lade ich dich herzlich ein, aber natürlich auch sonst, unabhängig davon, zum Weihnachtsretreat, da kannst du das üben. Da werden wir Weihnachten im Retreat verbringen. Keine Weihnachtsfeier, keine Bescherung, sondern Weihnachten wieder so feiern, wie es vielleicht mal gedacht war — und wenn nicht, auch egal: Nach innen zu gehen und deine Wurzel wiederzufinden, herauszufinden, was dir wichtig ist, was relevant ist und das ganz praktisch im Retreat schon zu üben, weil das Retreat selbst als Rückzug während dieser Zeit die Herausforderung ist. Das sind die Möglichkeiten des Weihnachtsretreats: Sich durch einen Lehrer inspirieren und begleiten lassen oder auch sich herausfordern zu lassen, sich mit dem konfrontieren zu lassen, was im Weg steht. Du kannst dich dabei auch schon alleine von der Anreise herausfordern lassen, deine Ideen ignorieren, die dir im Weg stehen, diese Reise anzutreten, zu erkennen, dass dir der Wunsch nach einer Reiserücktrittsversicherung im Weg steht, weil du auf Nummer sicher gehen willst auf dem Weg in deine Freiheit. Es könnte ja sein, dass was dazwischen kommt. Es könnte ja sein, dass es nicht klappt und dann bist du dein Geld los. Was wenn wieder lustige Maßnahmen kommen und was, wenn du dich nicht mehr an den äußeren Bedingungen orientierst, sondern nur noch an dem, was du wirklich willst?