Echte Freiheit kennt keine Voraussetzung. Eine Schülerin hat mir vor einigen Tagen geschrieben: »Ich glaube, die Freiheit wählt gar nicht. Du hast uns geschrieben: ‘Frei von Programmierung werdet ihr nicht, indem ihr sie nicht mehr habt, sondern indem ihr euch nicht mehr an ihr orientiert.’ Ich glaube, echte Freiheit ist immer in Frieden mit dem, was ist. In Frieden zu sein mit dem, was ist, ist echte Freiheit. Es tut gut, mit Menschen zu sein, die Ähnliches erlebt haben oder erleben, in ähnliche Richtungen schauen, den gleichen Lehrer haben und so weiter, aber echte Freiheit braucht das nicht.« — und dem kann ich nur zustimmen. Freiheit wählt nicht. Sie ist schon. Echte Freiheit ist in erster Linie die Freiheit vom Verstand und das bedeutet nicht, dass er nicht mehr da sein darf, sondern es bedeutet, dass du in der Lage bist, deinen Fokus zu steuern und vom Verstand — und zwar von deinem und von dem der anderen — weg zu lenken. Das ist eine Fähigkeit, die ist nicht leicht oder einfach zu üben, aber es ist eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt und zwar tatsächlich einfach nur durch Übung. Da musst du währenddessen nicht besonders gut sein, du musst auch keine Fortschritte merken, es genügt, wenn du immer wieder übst, deinen Fokus vom Verstand weg zu lenken. Manchmal kann das sein, dass du das durch Ablenkung versuchst, manchmal durch Unterdrückung der Gedanken oder durch Wegschieben der Gedanken oder indem du die Gedanken da sein lässt und trotzdem ignorierst. Also du nimmst sie wahr, sie sind da, du kannst sie eindeutig erkennen, du merkst: »Ah, da ist ein Gedanke, der sagt, ich sollte jetzt dringend aufstehen.« — und du ignorierst ihn und er kommt wieder und du ignorierst ihn wieder und er kommt nochmal und dann kommt er vehementer, dann sagt er: »Jetzt wird es aber wirklich Zeit.« — dann ignorierst du ihn wieder. Und das kannst du solange machen, bis der Gedanke entweder weg ist oder unbedeutend am Rand und bis du merkst: »Jetzt ist kein Gedanke mehr da.« oder »Der Gedanke ist nicht mehr wichtig.«, aber du willst jetzt aufstehen, du kannst gar nicht mehr liegen. — Und zwar nicht wegen Gedanken, sondern weil dein Körper nicht mehr kann oder nicht mehr will. Und diesen Qualitätsunterschied kannst du wahrnehmen, den merkst du und es ist ein immenser Qualitätsunterschied zwischen dem Gedanken »Du musst jetzt aufstehen. Es ist wichtig, es ist dringend, du kannst nicht so faul in der Gegend rumliegen. Was passiert, wenn du das jeden Tag machst?« — und dem Gefühl und der Erkenntnis »Woa, ich kann jetzt gar nicht mehr liegen bleiben. Es ist mir jetzt hier unbequem, mein Körper will sich bewegen.« Das ist ein enormer Unterschied. Und die meisten Menschen lassen es ihr gesamtes Leben lang niemals so weit kommen, bis sie es so aufgrund ihres Körpers merken, weil die Gedanken immer vorher da sind und weil sie auf jeden Gedanken reagieren und wenn nicht auf jeden ersten, dann auf jeden zweiten und spätestens auf den dritten Gedanken. Sie schaffen es gar nicht, einen Gedanken so lang zu ignorieren, bis der Impuls von alleine kommt, weil die Gedanken so verurteilend sind und dir so viel Blödsinn erzählen, der überprüfbar nicht wahr ist, aber da du nie die Geduld hast, es bis zur Überprüfung kommen zu lassen, kannst du es auch nie überprüfen. Die Überprüfung findet nicht statt, weil die ersten paar Gedanken schon so drängen, dass du gar nicht herausfinden kannst, ob du dadurch, dass du ein bisschen länger liegen bleibst, dann die faulste Sau der Welt wirst oder dann nie wieder arbeiten wirst, nie wieder etwas tun wirst und deine Familie verhungert, weil du sie nicht bekochst oder was auch immer, deiner Tochter nicht das Frühstück machst, denn die wird ja verhungern, die ist ja blöd, die kann nicht zum Kühlschrank gehen. Beobachte diese Gedanken! Beobachte diesen Wahnsinn! Manche Menschen wollen so tun, als wäre der gar nicht da und das ist nicht wahr. Dieser Wahnsinn steckt in uns allen. Wir würden sonst nicht so leben, wie wir leben. Unser gesamtes Leben, unsere gesamte Gesellschaft wäre vollkommen anders organisiert und diese Organisation kommt eben nicht dadurch zustande, dass wir uns keine Gedanken machen, sondern gerade durchs Gegenteil, sie kommt dadurch zustande, dass wir uns nicht nur Gedanken machen, sondern den Gedanken auch noch glauben. Wir tun so, als wären die verrückten Gedanken real und sie sind es nicht, sie sind nicht real und sie sind nicht die Wahrheit, sie wissen nicht, was passiert, aber sie tun so, als könnten sie es wissen. Und aus dieser Endlosschleife, aus diesen Gedanken, die Gedanken ergeben, die Gedanken ergeben, wird ein System gebaut — erst in dir und dann noch außerhalb von dir. Durch diese Gedanken kommt ein System in dir zustande, das du anschließend nach außen projizierst und wenn das genügend Menschen machen, weil genügend Menschen die gleichen oder ähnliche verrückte Gedanken haben, unterstützt sich das auch noch gegenseitig, sodass du mit Recht behaupten kannst: »Ja, aber Stefan, das machen ja alle so und die können ja nicht falsch liegen.« oder »Wenn ich das anders mache, dann bin ich der Außenseiter.« — Ja genau, genau so ist es. Du bist dann der Außenseiter, der diese wahnsinnigen Gedanken ignoriert und dadurch merkt, dass dieses System ja gar nicht notwendig ist und dass auch ein vollkommen anderes System entstehen kann aus dir selbst heraus. Das klingt aber für den Verstand so illusorisch, dass er gar nicht erst damit anfangen will. Und das geht den anderen paar Millionen, Milliarden Menschen auch so und deshalb ändert sich nichts. Wir glauben lieber weiterhin den verrückten Gedanken und wir glauben vor allem weiterhin an das verrückte System außerhalb von uns, von dem wir überzeugt sind, dass es unabhängig von den Gedanken existiert — und das ist nicht der Fall. Dieses gesamte Ding wird durch Gedanken aufgebaut und gestützt, ohne sie ist es nicht existent. Aber da es ein Feedbacksystem ist, wo du von außen das zurückgeschickt bekommst, was in dir ist, kommt es dir so vor, als wäre es stabil und du merkst nicht, dass du es in jeder Sekunde neu aufbauen musst, damit es existieren kann — und zwar nur durch deine Überzeugungen, deine Urteile, deine Gedanken. Könntest du einen urteilenden Gedanken vollkommen ignorieren, würdest du merken, dass es in dem Moment nicht mehr da ist, in dem du den Gedanken ignorierst und dass du gar nicht darauf warten brauchst, bis es außerhalb von dir so ist, wenn du in der Lage bist, den Gedanken zu ignorieren. Diese Sache ist eine Meister-Übung und sie wird vollkommen unterschätzt und sie wird ganz schnell zu den Akten gelegt. Der Verstand hakt es ab und sagt: »Ja, ja, habe ich verstanden, kenne ich schon, hat er schon ein paarmal gesagt. Ich weiß Bescheid, kann ich.« — und genau in dem Moment kannst du es nicht, denn er labert einfach weiter und du lässt es zu.