Kreativität zu leben ist der Schlüssel gegen Depression. Kreativität ist das Leben selbst. Deshalb macht die Unterdrückung von Kreativität depressiv. Kreativität ist aber nicht das, was wir denken. Viele Menschen stellen sich darunter etwas wie Kunst vor oder vielleicht auch Tanzen. Man sagt ja auch, etwas im kreativen Bereich machen, vielleicht denkt man dann auch an Schauspiel, Theater, aber das ist in dem Fall nicht damit gemeint. Es geht nicht um die Kreativität als Tätigkeit, sondern es geht um Kreativität selbst und das ist ein immenser Unterschied. Im wesentlichen bedeutet Kreativität, dem Leben nichts in den Weg stellen, dem Leben keine programmierten Gedanken in den Weg stellen, denn das Leben selbst ist kreativ, aber unser verhärteter, verkrusteter Verstand steht dem entgegen und dieser Verstand hat unglaublich viele Vorstellungen, Ideen und Annahmen, wie es sein müsste, sollte, könnte und diese Ideen unterdrücken die Kreativität des Lebens, denn das Leben funktioniert nicht linear. Das Leben hat verrückte Sprünge, lustige Kurven, manchmal Hundertachtzig-Grad-Wendungen und zwischendurch auch einen Schleudergang und das entscheidest nicht du. Das wird einfach nicht von dir entschieden. Könnten wir das, würden wir das entscheiden, würden unfassbar viele Dinge auf dieser Welt überhaupt nicht geschehen. Diese Sachen würde es einfach nicht geben, diese Ereignisse würde es nicht geben. Nur ein ganz einfach Beispiel, einen Börsencrash würde es nicht geben, wir würden alle entscheiden, brauchen wir nicht, finden wir nicht gut — unvorhergesehene Sachen, Veränderungen in der Weltpolitik, würden wir sagen: »Nein, brauchen wir nicht.« Aber auch im Kleinen, wenn wir nach Hause kommen, ein Mann, der sauer auf uns ist, würde es nicht geben, wir würden entscheiden: »Brauche ich nicht.« Und so würden wir die ganze Zeit die Kreativität des Lebens beschneiden. Das Problem ist, obwohl das nicht geht, versuchen wir es trotzdem und diese Anstrengung führt zu Depression. Man könnte fast sagen zwangsläufig und sogar Gott sei Dank, denn würde dir dein Leben keine Rückmeldung geben auf das, was du tust, wie du bist, was du machst, wie du mit deinem Leben umgehst, hättest du keine Chance, jemals herauszufinden, wie es tatsächlich gedacht ist. Du wärst gefangen in einer Art Computerspiel und dadurch dass du kein Feedback bekommst, hast du keine Chance, irgendwie auch nur ansatzweise herauszufinden, wie das hier gedacht ist. Das Leben gibt dir aber ein Feedback, das zeigt dir, wenn du gegen die Kreativität des Lebens selbst gehst. Viele Menschen können diese Zeichen nicht wahrnehmen und das ist auch vollkommen verständlich und am Anfang ist es auch absolut schwierig, denn wir sind ja in einem Konstrukt aufgewachsen, in dem man gegen diese Dinge, die einem da passieren, so Krankheit, psychologische Sachen — gegen die geht man vor, da kämpft man dagegen, man will das nicht und man will das auch nicht annehmen, man will noch nicht mal temporär sagen: »Okay, zumindest jetzt ist es so.« Und dann fängt man an zu ballern und schaut mal, was da passiert und falls es dann nicht weg geht, ist man irgendwann verzweifelt. Hoffentlich so verzweifelt, dass man bereit ist, den Kampf aufzugeben, denn in dieser Aufgabe löst sich die Verkrampfung deiner Programmierung, deines Verstandes, der das Leben bekämpfen will. Wenn wir nicht aufgeben und wenn wir uns nicht hingeben, dann sagen wir vielleicht noch so Sachen: »Aber ich habe doch schon alles versucht.«, oder »Ich versuche es doch total verzweifelt und ich bin doch bereit, alles zu tun.« — und das stimmt nicht, zumindest nicht ganz. Du bist bereit, eine ganze Menge zu tun und du bist bereit, eine ganze Menge in eine Richtung zu tun, aber du hast bestimmte Optionen einfach von vornherein kategorisch ausgeschlossen. Das merkst du gar nicht, das kann man auch nicht mitkriegen, denn das ist die Atmosphäre, das ist das Klima, in dem wir aufgewachsen sind und in diesem Klima sind bestimmte Dinge, bestimmte Vorgehensweisen, bestimmte Handlungen, auch bestimmte Optionen von vornherein vollkommen ausgeschlossen, die existieren nicht in deiner Welt, die sind nicht auf deinem Schirm und sie können auch nicht auf deinem Schirm kommen, solange du in diesem starren Konstrukt lebst. Das heißt, dieses starre Konstrukt, in dem du lebst, muss vorher, bevor etwas passieren kann, bevor die Kreativität zurückfließen kann, die muss aufgelöst werden oder zumindest einen kleinen Knacks bekommen und das sind meistens die Ereignisse, die wir gar nicht toll finden. Die gibt es natürlich auch positiv, aber anfangs bewerten die meist negativ und wir merken gar nicht, dass das unsere Bewertung ist, die dafür sorgt, dass das so unfassbar scheiße ist, sondern wir sind fest davon überzeugt. Im Nachhinein betrachtet, also nach ein paar Monaten oder Jahren stellen wir dann fest, wenn wir ehrlich sind: »Krass, das war eigentlich die Veränderung, die ich gebraucht habe und mein Leben ist jetzt vollkommen anders und besser und schöner als früher. Aber damals wollte ich die Veränderung nicht.« Diese Veränderung war aber eine kreative, das heißt, das war nichts innerhalb deines bestehenden Rahmens, wo du schon Pläne hattest und genau wusstest, was wie geht und was man wann macht, sondern diese Veränderungen kommen als kreatives Ereignis in unser Leben, das wir aber nicht so auffassen. Wir sind in diesem Moment vollkommen felsenfest davon überzeugt: »Das ist das Schlechteste und Dümmste und Blödeste, was mir passieren kann und ich will weg hier oder zurück.« — zurück in die alte, angeblich und scheinbar heile Welt, die wenn wir ehrlich hinschauen, nie heil war, sie war eine Illusion. Unser einziges oder zumindest unser wesentliches Problem ist, dass sich unser Verstand über das Leben gestellt hat. Unser Kopf war irgendwann der Meinung, er muss das ganze Ding hier übernehmen, weil ohne ihn geht das alles den Bach runter und damals hatte er auch wahrscheinlich recht. Mittlerweile aber nicht mehr, denn du bist nicht mehr in der gleichen Gefahr wie damals. Die Menschen in deinem Umfeld sind nicht mehr die oder haben nicht mehr die Macht über dich, die sie damals hatten. Das ist also einfach alles nur eine Umkehr. Wir haben das Leben auf den Kopf gestellt. Wir haben so getan, als wäre unser Verstand mächtiger als das Leben. Das Leben ist aber kreativ und diese Macht der Kreativität ist viel größer als die Macht des Verstandes. Und wenn der Verstand gegen Kreativität kämpft, muss es depressiv werden. Da führt gar kein Weg dran vorbei. Wenn dein Verstand alles unterbindet, was auch nur annähernd lebenswert ist und dem Leben entspricht, wenn dein Verstand alles unterbindet, was kreative Entfaltung ist, muss es dir schlecht gehen, es geht gar nicht anders — und wahrscheinlich ist das das Beste, was uns passieren kann. Wir würden es sonst nicht erkennen. Wir wären nicht bereit, genauer nachzuschauen. Die Bereitschaft, genauer hinzusehen, wir wir tatsächlich drauf sind, was tatsächlich in uns abgeht, wie wir uns uns selbst gegenüber verhalten, wie unfassbar hohe Ansprüche wir an uns selbst haben, an das Leben allgemein und damit auch an andere, wie verrückt unser Verstand aus dem Ruder gelaufen ist — diese Bereitschaft haben die wenigsten Menschen von sich aus und ohne Krise. Und wenn diese Krise da ist, gibt es eine Möglichkeit rauszukommen, eine sehr einfache. Wir müssen das Gegenteil von dem tun, was uns in die Krise gebracht hat und Kreativität wieder zulassen.