Die eigene Erfahrung ist jeder Theorie vorzuziehen. Und zwar vollkommen unabhängig davon, wie banal oder unbedeutend dir deine Erfahrung erscheinen mag, denn es geht nicht darum, wie die Erfahrung ist, sondern dass es eine ist. Selbst wenn du denkst oder behauptest, dass es aber langweilig ist oder normal oder überhaupt nicht spannend für andere — alles okay, mag auch sein. Der entscheidende Punkt ist: Es ist keine Theorie, sondern gelebte Erfahrung — und dann kommt eine Bewertung dazu, entweder deine eigene, meistens die von deinen Stimmen im Kopf oder die Bewertung von anderen und die sagen: »Ja, aber das ist ja keine spannende Erfahrung.« Das ist nicht der Punkt. Wenn du von DEINER Erfahrung sprichst, wenn du AUS deiner Erfahrung sprichst, ist es echt, authentisch und damit relevant. Wenn du aus der Theorie sprichst, also etwas, was du gehört hast, etwas, was man dir erzählt hat, was man dir gezeigt hat, dann heißt es nicht, dass es vollkommen irrelevant ist, denn auch dabei kannst du wieder von deiner Erfahrung sprechen, also wie sich zum Beispiel das angefühlt hat, als man dir etwas gezeigt hat oder als man dir von etwas erzählt hat. Das ist dann wieder deine Erfahrung. Aber die Erfahrung der anderen ist nicht deine Erfahrung. Es ist also ein Unterschied in der Wahrnehmung und ein Unterschied, wo du gerade bist, während du von etwas erzählst. Du kannst von etwas erzählen und währenddessen präsent sein, IN deiner Erfahrung sein und du kannst von etwas erzählen und du bist währenddessen rein theoretisch in deinem Kopf unterwegs. Die meisten Menschen verbringen ihr Leben in der Theorie. Es ist ihnen aber nicht klar, dass sie ihr gesamtes Leben im Kopf verbringen und nur theoretisch darüber nachdenken. Es kann ihnen gar nicht klar werden, das ist auch vollkommen verständlich, das ist kein Vorwurf. Es ist nur so, dass uns nicht klar ist, was was ist, wo wir uns gerade befinden und wie wir von vergangenen Erfahrungen berichten, ob als Illusion oder Träumerei in unserem Kopf oder als tatsächlich erlebte, gefühlte Erfahrung. Das ist ein Riesenunterschied, den muss man erstmal erleben und dann auch hinbekommen, nicht mehr zurückzufallen in die Theorie, in den Kopf. Und das bedeutet nicht, dass du niemandem mehr etwas erzählen darfst, das bedeutet nicht, dass du nicht mehr drüber nachdenken darfst, sondern die Frage ist: Wo befindest du dich IM Moment des Erzählens? Das ist nicht leicht zu beschreiben, aber es ist ein großer Qualitätsunterschied, wo du dich befindest, während du etwas erzählst, während du von irgendetwas berichtest — ganz egal, ob das deine Erfahrung ist oder ob das etwas ist, was du gelesen hast oder gehört hast. Die Frage ist, ob du in diesem Moment, in dem du es erzählst, wahrnimmst, woher dein Antrieb, dein Impuls kommt, das zu erzählen. Bist du da im Gefühl? Fühlst du, wie es sich anfühlt, woher dieser Impuls kommt, das zu erzählen? Oder redest du einfach nur, damit geredet ist, weil man das so macht und weil du das schon immer so gemacht hast? Du kannst dein heutiges Zitat auch auf deine Entscheidungsprozesse übertragen. Deine Erfahrung ist jeder Theorie vorzuziehen. Was ist die Theorie? Das, was wir normalerweise Entscheidungsprozess nennen. Wir denken darüber nach — Pro und Contra: »Soll ich es machen? Soll ich es nicht machen? Was spricht dafür? Was spricht dagegen?« Das ist reine Theorie. Außer du hast einen Ankerpunkt in dir, wo du schon mal eine Erfahrung in dem Bereich gemacht hast, eine ähnliche Erfahrung, wo du dich in deinem Gefühl verankerst. In der Regel ist es aber so, dass die meisten Entscheidungsprozesse einfach nur Mindfuck sind und jede Erfahrung ist dieser Theorie vorzuziehen. Das heißt, wenn du darüber nachdenkst: »Soll ich etwas machen? Oder soll ich es nicht machen?« — ist es besser, es jetzt zu tun oder es jetzt nicht zu tun, beides sind dann echte Erfahrungen, aber ohne weiter darüber nachzudenken. Und das ist der entscheidende Punkt, den die wenigsten beherrschen. Sie können sich nicht vollkommen für etwas entscheiden, ohne darüber nachzudenken: »Hach, was wäre jetzt, wenn ich es nicht gemacht hätte?« Und noch viel schwieriger, die meisten können sich nicht entscheiden, etwas nicht zu tun, ohne dann zu denken: »Ach, hätte ich es doch getan.« Oder »Soll ich es jetzt noch tun? Soll ich jetzt damit anfangen? Jetzt wäre ja noch Zeit. Ich könnte ja noch. Also wenn ich jetzt direkt losgehe, dann könnte …« — Alles im Kopf. Alles nicht deine gelebte Erfahrung beziehungsweise die gelebte Erfahrung dabei ist der Hirnfick, sind die Gedanken, die Gedankenattacken, die du, während du sie hast, nicht wahrnimmst. Und das ist der entscheidende Unterschied: Würdest du sie wahrnehmen, wäre es auch eine Erfahrung und keine Theorie. Und um diese Erfahrung geht es: Wahrnehmen, was wirklich hier ist. Realisieren, dass du jetzt gerade hin und her denkst, hin und her, hin und her, her und hin, hin und her und hin und her und her und hin und nochmal drüber nachgedacht und nochmal und noch ein Argument und noch mal eines und dann könntest du ja auch noch an das denken und dann hast du ja gestern schon das gemacht und übermorgen könntest du das tun und so weiter und da redet der die ganze Zeit, ohne dass du das mitbekommst. Und das ist das, was du in dir selbst entdecken musst und das ist jenseits jeder Theorie. Diese Praxis kann dir keiner beibringen. Ich kann es dir nur zeigen, erfahren musst du es selbst, wahrnehmen musst du es selbst.