Gefühle müssen nicht zum Ausdruck gebracht werden, sie wollen gefühlt werden. Gefühle verändern sich nicht dadurch, dass du sie zum Ausdruck bringst. Ich sage damit nicht, dass du sie nicht zum Ausdruck bringen darfst, aber wenn du einfach einmal beobachtest, wie oft du in deinem Leben, deine Gefühle schon zum Ausdruck gebracht hast ... Natürlich gibt es Menschen, die das nicht tun, die nennt man dann introvertiert, die sagen einfach nichts. Aber es gibt die anderen, die nennt man dann extrovertiert und die sagen was oder die bringen ihre Gefühle zum Ausdruck oder wie man auch sagt, die zeigen ihre Gefühle und das halten wir für etwas Gutes oder zumindest einige denken, dass das etwas bringt, dass das hilfreich ist. Ich sage nicht, dass es gar nichts bringt und dass man das nicht machen kann, man kann beides machen. Wenn man extrovertiert ist, kann man mal versuchen, seine Gefühle nicht zu zeigen und für sich zu behalten. Und wenn man introvertiert ist, kann man mal versuchen, wie das ist, wenn man seine Gefühle zeigt und zum Ausdruck bringt. Der Witz daran ist aber, dass sowohl die Introvertiertheit als auch die Extrovertiertheit Verarbeitungsmechanismen für Gefühle sind. Je nach Typ, je nach Charakter eignen wir uns die in unserer Kindheit an. Der eine wird still und versucht, die Gefühle dadurch zu verdrängen, dass er so tut, als wären sie nicht da, als könnte er sie unterdrücken und der andere wird laut, rebelliert dagegen und schreit gegen die Gefühle an, um sie zu verdrängen. Beides sind Verdrängungsmechanismen. Keine der beiden Varianten bearbeitet deine Gefühle. Keine der beiden Varianten hilft dabei, dass du in Zukunft, diese Gefühle nicht mehr fühlst. Wir haben beides so oft gemacht, sowohl introvertiert als auch extrovertiert, wir haben beide Varianten versucht. Du kannst ja mal als Extrovertierter mit einem Introvertierten sprechen und als Introvertierter mit einem Extrovertierten und fragen, ob sich durch diese Verarbeitungsvariante, durch diesen eigentlich hilflosen Versuch, die Gefühle zu verdrängen oder zu vermeiden, irgendetwas in seinem Leben verändert hat. Ich habe in meinem Leben lange Zeit gegen die Gefühle angeschrien, dagegen gekämpft und man könnte den irrigen Eindruck bekommen, dass ich, als ich meinen Lehrer getroffen habe, introvertiert wurde. Wenn, dann ist das sowieso in mir angelegt und es ist sehr wahrscheinlich, denn jeder Extrovertierte hat auch einen introvertierten Anteil und umgekehrt genauso. Aber es ist etwas vollkommen anderes, ruhig zu werden, um in der Präsenz deines Gefühles alles da sein zu lassen, was jetzt hier ist, und diese Präsenz vollkommen aufmerksam und wach zu erfahren im Vergleich zu ruhig werden, um das Gefühl nicht fühlen zu müssen, um es verdrängen zu können durch Schweigen. Wenn du es kannst, wenn du deine Gefühle fühlen kannst in deinem Körper, wenn du sie wahrnehmen kannst, während sie hier sind, dann geht nämlich paradoxerweise beides. Du kannst deine Gefühle fühlen, während du schreist und rebellierst und du kannst deine Gefühle fühlen, während du dich zurückziehst und dich einsperrst. Dein Gefühl zu fühlen, hat nichts mit deinem Verhalten zu tun. Du kannst dein Gefühl also unter allen Umständen fühlen. Das hat etwas mit deiner Aufmerksamkeit und mit deinem Fokus zu tun und nicht damit, wie du dich verhältst. Auch die Idee, dass sich etwas verändert, wenn du dem anderen deine Gefühle mitteilst, ist ein Trugschluss. Es funktioniert einfach nicht beziehungsweise es funktioniert nur temporär und ist maximal ein Trick. Ein Trick, damit du mal wieder nicht bei dir schauen musst und damit du weiterhin die Hoffnung haben kannst, dass du über die Veränderung der Welt außerhalb von dir innere Erleichterung verspürst. Erleichterung ist aber ein Gefühl in dir, es wird in dir erzeugt, nicht außerhalb von dir. Trotzdem denken wir die ganze Zeit, dass unsere inneren Gefühle von äußeren Umständen abhängig sind. So sind wir konditioniert. So wurden wir erzogen. Es ist ein fataler Irrtum. Es ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist: Wenn du beginnst, deine Gefühle zu erforschen, wahrhaftig zu erforschen und herausfindest, wie es tatsächlich ist, wie es ist, etwas zu fühlen, ohne dabei zu denken, brauchst du nie wieder etwas zum Ausdruck zu bringen, denn dieser Ausdruck geschieht dadurch in dir und die Welt um dich herum passt sich an diesen Ausdruck von dir an. Und natürlich ist das überhaupt kein einfacher Prozess, aber die anderen, die anderen Methoden, die wir bisher versucht haben, haben auch nicht funktioniert.