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    1.11.2021AQ 1438
    »Um erfolgreich zu sein, musst du die Herausforderungen genauso lieben wie die Möglichkeit zu versagen.«
    0:0013:07
    Um erfolgreich zu sein, musst du die Herausforderungen genauso lieben wie die Möglichkeit zu versagen. Auch auf die Gefahr hin niemals erfolgreich zu sein. Diesen entscheidenden Punkt verstehen die meisten nicht — denn du willst ja erfolgreich sein und du denkst, der Erfolg kommt, wenn du es ganz besonders willst oder wenn du ganz besonders viel machst oder wenn du ganz besonders diszipliniert bist, hart an dir oder am Projekt arbeitest oder auch wenn du ein guter Mensch bist. Alle möglichen Ideen haben wir damit verbunden, aber wir wollen die Möglichkeit des Scheiterns einfach nicht mit einbeziehen. Herausforderungen — das verstehen wir noch, an denen kann man ja hart arbeiten, nicht? Da kann man ja was ändern und Seminare besuchen und es dann besser machen oder kreativ sein, Ideen entwickeln — und was machst du, wenn das auch nicht funktioniert? Es gibt eine Abkürzung zum Erfolg. Verliebe dich in die Möglichkeit des Scheiterns! Oder noch direkter: Verliebe dich in dein Scheitern! Umarme dein Scheitern! Lasse es dich voll durchdringen! Verdränge es nicht mehr! Sei ehrlich zu dir! Gib dir selbst gegenüber zu, dass du gescheitert bist! Es ist nicht nur okay oder ein Schritt auf dem Weg zum Erfolg, sondern du könntest dein gesamtes Leben lang scheitern und es wäre vollkommen in Ordnung, wenn du es annehmen kannst, wenn du es nicht mehr verdrängen willst, wenn du nicht mehr sagen willst: »Ah ja, das ist ein Schritt auf dem Weg und manchmal liegen halt Steine da und dann muss man die wegräumen!« Da gibt es ja auch schlaue Zitate dazu: »Wenn dir Menschen Steine in den Weg legen, baue was draus oder was auch immer.« Was, wenn dir einfach Steine im Weg liegen und wenn du einfach in Frieden fällst damit? Es ist so kostbar und so eine essentielle Veränderung in dir, wenn du wirklich bereit bist zu scheitern, wenn du dich, dein Leben — wie immer man das nennen will — annehmen kannst, auch wenn du die ganze Zeit scheiterst. Ich weiß, das klingt nicht sehr sexy, das will man nicht hören, damit verkaufe ich keine Kurse, aber es gibt nichts Besseres. Man kann natürlich schöner erklären und schöner tun, wenn man sagt: »Ah ja, früher bin ich auch gescheitert. Jetzt bin ich erfolgreich. Ich zeige dir, wie es geht.« — und das ist absoluter Blödsinn. Ich könnte die gleiche Geschichte erzählen und sie wäre eine Lüge, obwohl sie nach außen betrachtet tatsächlich stimmt, also das heißt, man könnte mir nicht einmal nachweisen, dass ich lüge, denn rein äußerlich ist es meine Geschichte: »Gescheitert, gescheitert, gescheitert, gescheitert, erfolgreich.« Super. Aber den Teil, den ich dir da nicht erzähle, ist, dass ich nach dem hundertsten oder tausendsten Scheitern — wie immer auch die Zählweise sein mag — irgendwann bereit war, nie wieder erfolgreich zu sein und mein Leben also nicht mehr am Erfolg zu orientieren, sondern an dem, was mir Spaß macht, an dem, was ich gut finde oder besser noch gesagt, weil Spaß, es klingt immer so einfach, eher noch an meiner Leidenschaft, an meinem Enthusiasmus vielleicht für bestimmte Dinge in meinem Leben, aber vor allem an dem, was mich anzieht und zwar grundlos anzieht, wofür es keine tolle intellektuelle oder auch intelligente Erklärung gibt. Also wo ich etwas mache, was ich nicht gut erklären kann oder was ich auch niemandem gegenüber verteidigen kann und wo ich einfach keine guten Argumente habe, also absolut überhaupt gar keine. Wo jeder sagt: »Ha, ha, ha Stefan, das macht man doch nicht mehr mit fünfunddreißig, da hören die Leute auf mit Radprofi sein, da fängst du gerade damit an. Was für ein Scheiß! Wie bescheuert kann man sein?« Ja, genau das! Und dann nicht mehr mit dem Ziel, das Ganze erfolgreich zu machen, sondern mit dem Ziel, das Ganze leidenschaftlich zu machen. Und leidenschaftlich bedeutet in dem Fall beziehungsweise hat in meinem Fall bedeutet, dass ich das Leben eines Radprofis führe und nicht, dass ich den Verdienst eines Radprofis oder die Erfolge eines Radprofis habe. Das ist ein wesentlicher Unterschied: Ich wollte so leben wie ein Radprofi lebt, das heißt, der trainiert den ganzen Tag. Der Verstand sagt dir: »Ja, aber irgendwo muss ja das Geld herkommen.« — und das ist der erste Haken, das ist das erste Problem, an dem scheitern die meisten. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erfolglos ich vierzig Jahre meines Lebens war und in den letzten Jahren meiner Erfolglosigkeit hatte ich sie vollkommen angenommen. Ich war bereit, der Versager zu sein — in meinem eigenen Urteil, vor meinem eigenen Auge, in den Augen der anderen, im Urteil der vorgestellten Welt da draußen — und DAS hat alles verändert. Nicht, dass ich jetzt irgendetwas richtig mache, ganz im Gegenteil: Ich werde immer radikaler im Falsch Machen und es kann dann sein, dass es sowohl für mich als auch für Menschen, die mit mir zu tun haben, temporär unangenehm wird, aber eben halt auch ziemlich erfolgreich, weil es für den Erfolg auch gar keine Definition mehr gibt. Wirklich erfolgreich bist du, wenn du deinem Innersten folgst. Die größte Herausforderung dabei ist herauszufinden, was das überhaupt ist, denn dein Verstand sagt ganz schnell: »Ach, das ist dein innerster tiefster Wunsch. Jeder Wunsch ist ein Herzenswunsch. Jeder Wunsch kommt nur von deiner Seele.« Nein, überhaupt nicht! Du hast es nie ausprobiert. Du hast nie versucht, deinen Verstand zu ignorieren, du hast nie versucht, die Wünsche zu ignorieren, die von deinem Verstand kommen. Und das musst du üben. Erst dann kannst du herausfinden, was es ist, was dich wirklich aus dem Innersten heraus bewegt und es ist sehr wahrscheinlich, dass es nicht die Dinge sind, die du momentan denkst, und es sind auch nicht die Dinge, wo du sagst: »Hach, das wäre mir so eine Herzensangelegenheit. Hach, jahrzehntelang arbeite ich daran und nichts klappt. Ich bin so arm dran, dass das nicht funktioniert. Es ist so schade. Ich würde so gerne helfen oder das machen.« Das stimmt alles nicht. Es ist auch keine künstliche Freude, es ist auch nicht das Gegenteil, wo du die ganze Zeit voll unter Strom stehst und total künstlich gepumpt bist. Es liegt tiefer und es spricht viel, viel ruhiger zu dir und vor allem nicht aus deinem Schmerz heraus. Sei also nicht nur bereit zu versagen, sondern verliebe dich in dein Versagen! Ganz ehrlich, ohne Netz und doppelten Boden.