Echte Fülle ist neutral und nicht das Gegenteil von Mangel. Wir wünschen uns nur deshalb Fülle, weil wir mit dem Gegenteil nicht klar kommen, weil wir den Mangel verurteilen. Ich höre oft, dass die Menschen in die Fülle kommen wollen oder dass dir jemand sagt, dass du ja nur in die Fülle kommen brauchst. Das ist ein ähnlich unintelligenter Ratschlag, wie wenn man dir sagt, dass du ja einfach nur in die Liebe kommen musst. Und was machst du, wenn sie gerade nicht hier ist? Wie kommt man denn in die Liebe? Ganz sicher nicht so, wie es dir erzählt wird und wie du denkst, dass es funktioniert — denn in die Liebe oder in die Fülle kommen, ist immer noch ein Weg. Das bedeutet, es scheint etwas zu geben, was dich davon trennt, aber du weißt nicht, was das ist — und deshalb versuchst du verzweifelt, in die Fülle zu kommen. Ich weiß, was im Weg steht — nämlich die Idee, dass Mangel keine Fülle wäre oder die Idee, dass alle anderen Gefühle nicht die Liebe wären. Es steht dir eine Idee im Weg, die Idee, dass du erst noch wo hinkommen musst, um das erfahren, erleben zu können, was du dir wünschst. Es ist wirklich nur eine Idee — die ist allerdings recht hartnäckig. Das heißt, die kommt immer wieder, wird im Lauf der Zeit vielleicht intensiver und vor allem es fällt dir enorm schwer, dieser Idee keine Aufmerksamkeit zu geben. Du vergisst diese Idee nicht gern, das ist so eine Art Lieblingsidee, ohne dass du sie liebst und es ist eher so eine Art Hassliebe, aber das ist dir nicht klar. Die Idee von Mangel verhindert die Erkenntnis, dass du bereits in Fülle lebst, denn ohne Fülle gäbe es überhaupt gar kein Leben — und zwar auch dann nicht, wenn du dieses Leben, das du gerade führst, egal aus welchem Grund gerade als beschissen, mangelhaft oder im Mangel verhaftet oder als zu wenig oder zu uninteressant, zu arm, was auch immer bezeichnest. Auch dann, wenn all das der Fall ist, lebst du trotzdem in Fülle. Ja, ich gebe zu, es ist natürlich nicht die Fülle, die du dir vorstellst, denn im Kontrast zu der Idee von Mangel entwickelst du natürlich auch Ideen von Fülle und obwohl diese Ideen auch sehr primitiv sind, glaubst du ihnen. Also wenn du gerade wenig Geld hast, dann denkst du, viel Geld, das wäre jetzt eine tolle Sache, das würde dir was bringen. Vielleicht ist dir aber auch schon klar, dass es dir gar nicht um Geld geht, sondern um die Dinge, die du kaufen kannst, dann sagst du: »Na ja, aber ich hätte wenigstens gerne diese Dinge.« Vielleicht sogar, wenn dir das auch schon klar ist, unabhängig davon, ob sie dir gehören oder nicht. Du würdest sie nur gerne benutzen. Dummerweise klingt sowas immer ein bisschen hippiemäßig und könnte dich deshalb auf die falsche Fährte locken. Hippie ist nur eine Form der Lösung. Du könntest auch einfach unverschämt reich werden, das ist die andere Form oder die andere Variante. Da gibt es kein Urteil, da gibt es kein Richtig und Falsch und da gibt es kein »So ist es aber besser.« Die Lösungen sind alle da, das Problem ist nur, wenn sich der Geist verengt, wenn der Geist nur noch bestimmte Vorstellungen zulässt, bestimmte Wege oder Ergebnisse. Ich habe vor kurzem ein super geniales Zitat gehört, ich weiß nicht, wer es gesagt hat, es war wohl ein Coach, der hat sich folgendermaßen geäußert, der meinte: »Ich arbeite lieber mit Reichen, denn die wissen wenigstens, dass Geld nicht die Lösung sein kann.« Das musst du dir auf der Zunge zergehen lassen. Das ist ein bisschen ähnlich zu dem Zitat von — jetzt fällt mir sein Name nicht ein, von, von, ihr kennt ihn alle, mir fällt noch nicht mal der Film ein, den du aber auch kennst ... — Jim Carrey, genau. Und der meinte: »Ich wünschte, alle könnten reich und berühmt sein, damit sie erkennen, dass es das auch nicht ist.« Die Fülle, die wir im Zustand des geistig selbst kreierten Mangels im Kopf haben, ist keine. Sie würde sich nicht wie Fülle anfühlen. Das Einzige, was wir uns wünschen, ist ein anderes Gefühl — und deshalb gibt es nur eine Lösung: Bereit zu sein, das Gefühl zu fühlen, das du jetzt gerade fühlst, statt dich in eine andere Welt zu träumen, in der alles schöner wäre und in der du so sehr in Fülle und in Liebe wärst. Es wäre das Ende der Selbstverarschung. Du würdest endlich anerkennen, wo du wirklich stehst und damit wäre es unvermeidbar, dass du ganz automatisch zu dir selbst zurückkehrst, weil du das erste Mal siehst, wo du wirklich bist und wie es jetzt gerade wirklich für dich ist. Du würdest das erste Mal nicht mehr vor dem fliehen, wie es sich jetzt gerade anfühlt und damit fallen auch alle Bedürfnisse, alle Ideen, wie es in der Zukunft besser sein könnte — entweder alle auf einmal oder Schritt für Schritt — weg. Denn wenn du hier und jetzt wirklich da bist, gibt es keine Zukunft mehr, die irgendetwas verbessern könnte oder so für dich regeln könnte, dass es schön wäre für dich im Vergleich zu jetzt. Und deshalb ist echte Fülle nicht dieses Hurra, das sich alle vorstellen, sondern echte Fülle ist neutral und die ist immer hier.