Wir haben Urteile, ohne sie zu hinterfragen. Sogar über uns selbst. Wahrscheinlich vor allem über uns selbst. Es ist uns aber gar nicht klar. Unsere Urteile sind uns nicht klar. Uns ist nicht klar, dass wir durch die Matrix in uns, durch Urteile, durch unseren Verstand einen Filter zwischen uns und die Welt setzen. Und dadurch, dass wir das tun, erscheint uns die Welt, wie sie uns erscheint und sie erscheint uns immer gleich. Mit ähnlichen Problemen, mit ähnlichen Zuständen, mit ähnlichen Menschen, die wir treffen, die uns ähnlich aufregen wie Menschen, die wir schon mal getroffen haben. Wir kreieren eine Welt vor der Welt wie einen Vorhang mit einer Szenerie, die vor der tatsächlichen Welt abgebildet ist. Wir trauen uns nicht, unsere Urteile zu hinterfragen. Dadurch dass unser Verstand seine Urteile wiederholt, glauben wir an sie und wir trauen uns nicht, radikal zu sein und alle diese Urteile zu hinterfragen, weil es uns so erscheint, als würde eine Welt für uns zusammenbrechen, wenn es anders wäre. Wir haben eine künstliche Welt erschaffen, die es so gar nicht gibt, die aber in uns existiert, weil wir sie durch unsere Programme und Urteile konstant aufrechterhalten, während wir uns nicht trauen, sie zu hinterfragen, weil wir uns so sehr damit identifizieren, unbewusst, dass wir denken, eine Welt würde zusammenbrechen, wenn wir das loslassen würden. Und das stimmt auch und das will niemand. Niemand will das sich selbst gegenüber zugeben, dass er sich selbst betrogen hat. Das ist eine Erkenntnis, die die meisten Menschen vermeiden wollen und zwar unter allen Umständen. Es gibt auch keine Erkenntnis, die schmerzvoller ist: Dass du dir selbst etwas vorgemacht hast und dass du selbst die Quelle für all das warst, was du bisher nicht annehmen konntest. Wir können nicht intelligent sein, solange wir nicht in der Lage sind, unsere eigenen Urteile zu hinterfragen — gerade diejenigen Urteile, die wir über uns selbst haben. Echte Intelligenz entspringt der Fähigkeit, alles zu hinterfragen, dabei keine Ausnahmen zu machen, keine Rückzieher und keine faulen Kompromisse. Immer wieder ehrlich zu sich selbst sein. Und das kannst du mit ganz einfachen Fragen erreichen, zum Beispiel mit der Frage: »Kann ich mir wirklich sicher sein? Oder: Woher weiß ich das? Warum denke ich das schon immer? Warum denke ich immer ähnlich? Woher habe ich dieses Urteil?« Ein Mensch, der wirklich frei sein will und wie es gerade in Mode ist, wirklich sein komplettes Potential entfalten will, was nur bedeutet, echte Intelligenz an den Tag zu legen, der muss bereit und in der Lage sein, alles wieder und wieder zu hinterfragen. Und dieses Hinterfragen aber nicht ausgehend vom Verstand, der das destruktiv nutzt und der dich damit fertig macht, sondern die aufbauende Variante davon. Die Variante, wo du dich oder wo du dir diese Fragen stellst, wenn sie hilfreich sind, wenn sie dich unterstützen. Ich meine damit nicht die nihilistische Variante, die »Ist-mir-alles-scheiß-egal«-Variante und auch nicht die Variante, wo du dich mit diesen Fragen selbst quälst, sondern wo du wirklich erkennst, dass deine Urteile deine Welt kreieren, dass deine Urteile deine Matrix sind. Alle deine Vorstellungen von der Welt, auch deine moralischen Vorstellungen kreieren die Welt, wie sie für dich ist. Das bedeutet nämlich auch nicht, dass du das unbedingt auflösen musst. Die Welt darf so sein, wie du sie kreierst, aber es ist etwas vollkommen anderes, wenn dir das nicht klar ist im Vergleich dazu, wenn du dir dessen bewusst bist.