Jede Familie ist dysfunktional, weil ihre Gründungsmitglieder dysfunktional sind. Manche glauben, dass ihr Familie dysfunktional sei oder hauptsächlich ihre Familie. Ich habe bisher keine oder wenige dysfunktionale Familien kennengelernt — einfach deshalb, weil die Gründungsmitglieder ihre eigene Dysfunktionalität auf ihre Kinder übertragen. Und natürlich gibt es Ausnahmen, aber im wesentlichen ist ja die Frage, was man für normal hält, damit man eine Familie nicht als dysfunktional bezeichnet wird. Und es wird vieles als normal angesehen, weil es toleriert wird oder weil man es verdrängen kann und unter den Teppich kehren kann, was aber hochgradig dysfunktional ist beziehungsweise zumindest nicht hilfreich — und zwar weder für die Gründungsmitglieder, also Vater und Mutter, noch für die Kinder. Und ich erlebe es auch immer wieder, dass die Kinder — also auch die erwachsenen Kinder — diese Dysfunktionalität lieber beiseite schieben würden und dann sagen sie so Sachen wie: »Ja, ich habe ihnen aber auch viel zu verdanken.« Und das sagen sie, bevor sie die Wut gefühlt haben. Diese Wut, wenn die gefühlt wird, liegt darunter Traurigkeit. Die Trauer darüber, dass sie keine funktionierende Familie hatten. Die Wahrheit ist, dass die meisten Kinder wütend und traurig sind und da auch du ein Kind bist, ein erwachsenes Kind, ist es sehr wahrscheinlich, dass es bei dir auch so ist. Lass dir nicht von deinem Verstand erzählen, dass du das Ganze abkürzen solltest durch Dankbarkeit oder lass es dir von ihm nicht schönreden nach dem Motto: »Na ja, im Vergleich zu anderen hatte ich es ja noch gut.« Das stimmt. Das ist sogar sehr wahrscheinlich tatsächlich der Fall bei den meisten, ändert aber überhaupt nichts daran, dass es dir als Kind weh getan hat, dass du verunsichert warst, dass du traurig warst, vollkommen irritiert, nicht wusstest, an wen du dich wenden sollst, weil du nicht mehr das Gefühl hattest, dass du dich an irgendjemand wenden kannst. Ganz im Gegenteil: Du hast wahrscheinlich sogar versucht, Funktionen der dysfunktionalen Familienmitglieder zu übernehmen, also etwas, was eigentlich die Rolle des Vaters oder der Mutter gewesen wäre in einer funktionierenden Familie, da hast du versucht, diese Lücke zu füllen. Rede dir vor allem kein schlechtes Gewissen ein, tu nicht so, als hättest du etwas falsch gemacht und komm nicht auf die absurde Idee, dass du deshalb jetzt zu irgendetwas verpflichtet wärst! Es spricht nichts dagegen, deinen Eltern zu helfen, wenn du ein gutes Verhältnis zu ihnen hast oder sie einfach nur zu besuchen, weil sich dieser Besuch angenehm anfühlt, weil du gute Gespräche mit ihnen führst, weil du dich einfach mit tollen, lieben Menschen triffst. Wenn das aber nicht der Fall ist und es sich überhaupt nicht gut anfühlt und du nur den Kontakt hältst, weil du ein schlechtes Gewissen hast, dass du die Lücke nicht gut genug gefüllt hast oder weil du eine Übersprungshandlung oder einen Übersprungsgedanken in dir hast nach dem Motto: »Na ja, sie hatten es ja auch nicht leicht.« Das stimmt schon, das ist sehr wahrscheinlich, ändert aber halt trotzdem nichts daran, was du als Kind gefühlt hast und was als Trauma von dir abgespalten ist. Und auch die Frage, ob sie es gut gemeint haben, ist nicht relevant in diesem Zusammenhang. Das ist auch so ein Trick, wird auch oft in spirituellen Kreisen verwendet. Es ist unerheblich deshalb, weil die Intention keinen Unterschied macht, wie du dich fühlst, wenn du abgewiesen wirst, wenn dir keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn deine Eltern nicht in der Lage sind, dich in Verbundenheit wachsen zu lassen. Und das ist ganz sicher schwer, natürlich kann man ihnen da keinen Vorwurf machen, aber es geht ja auch nicht um die anderen, sondern es geht um deine Gefühle. Es geht darum, wie du dich wirklich fühlst — nicht eingeredet und ausgedacht durch schöne Sprüche, sondern wie fühlst du dich wirklich. Ich merke, dass einige Menschen diese Frage nicht beantworten wollen und stattdessen lieber für ihre Eltern mitdenken und -fühlen. Und das ist nichts Verkehrtes, Mitgefühl zu haben und auch verzeihen zu können, es entspricht aber trotzdem nicht deiner erlebten Realität. Du musst erst einmal lernen, vollkommen ehrlich dir selbst gegenüber zugeben zu können, wie scheiße es war und wie sauer du warst und bist und wie sehr dich das verletzt und abgefuckt hat — und wenn du das gefühlt hast, ist der Weg frei für deine Heilung.